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  Wellensittich im GeästDass ihr Vogel entfliegen könnte, ist für viele Vogelhalter eine erschreckende Vorstellung. Leider wird jedoch mitunter Wirklichkeit: Eine kleine Unachtsamkeit genügt, und schon macht sich der gefiederte Hausgenosse aus dem Staub - meist ohne sich nach dem verzweifelt rufenden Vogelhalter umzuschauen. Und auch wenn die Tiere zahm sind und man davon überzeugt ist, dass man sie zurücklocken könnte, ist allergrößte Vorsicht geboten. Gelangen sie nach draußen in eine für sie ungewohnte Umgebung, kommen nur die wenigsten Vögel auf Zuruf zu ihrem Halter. Dies erfordert ein langes, intensives Training. Und sogar trainierte Vögel können sich draußen erschrecken und davonfliegen. Haben sie ihren Halter einmal aus dem Blick verloren, können sie sich nicht mehr orientieren und irren umher. Bedauerlicherweise ist es in einer solchen Situation eher unwahrscheinlich, dass das Tier gefunden und an den Besitzer zurückgegeben wird. Vor allem kleine Vögel wie Wellensittiche überleben in der deutschen Natur nicht lang. Deshalb sollte man stets sehr genau darauf achten, seinen Heimvögeln nicht die geringste Chance für ein Entfliegen zu bieten.

Das Verhalten entflogener Wellensittiche
Wie eine Reihe anderer Papageienarten auch, leben Wellensittiche in ihrer natürlichen Heimat, also Australien, als Nomadenvögel. In großen Schwärmen durchstreifen sie riesige Gebiete auf der Suche nach Nahrung, Wasser und geeigneten Brutplätzen. Dabei richten sie sich überwiegend nach lokal vorherrschenden Umweltbedingungen und meiden zu trockene oder anderweitig unwirtliche Areale. Um als nicht standorttreue Vögel überleben zu können, verfügen wilde Wellensittiche über ein hervorragendes Flugvermögen, das ihnen die Bewältigung weiter Strecken problemlos ermöglicht.

Anders als etwa bei entlaufenen Katzen, die sich gern in ihrem bevorzugten Territorium aufhalten, ist es daher bei entflogenen Stubenwellensittichen so, dass sie sich innerhalb kürzester Zeit vom ehemaligen Zuhause entfernen. Oft sitzen die Sittiche anfangs in Sichtweite ihres einstigen Heims, erkennen dies aber aufgrund der abweichenden und für sie unbekannten Perspektive nicht. Erschrickt ein entflogener Vogel oder packt ihn einfach die Lust aufs Fliegen, verliert er binnen weniger Sekunden das alte Heim aus den Augen und damit jeglichen Bezug zum Vogelhalter, den er bis dahin vielleicht noch von einem Baum aus beobachtet haben mag. Einen angeborenen Instinkt für eine sichere Heimkehr, wie ihn beispielsweise Brieftauben haben, haben Wellensittiche nicht. Sie erkunden stattdessen die Umgebung.

Eventuell hält sich ein entflogener Wellensittich kurz nach dem Entfliegen in einem Radius von bis zu einem Kilometer um sein altes Heim auf. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass er sich, spätestens wenn er hungrig wird, einfach durch die Gegend treiben lässt und sich auf diese Weise immer weiter vom ehemaligen Zuhause entfernt. Ihn zu finden oder gar einzufangen, ist dann ein überaus schwieriges Unterfangen. Man hat entflogene Wellensittiche in bis zu 50 km Entfernung von ihrem alten Heim aufgegriffen, was deutlich zeigt, wie gut die kleinen Papageien fliegen können.

Überlebenschancen entflogener Wellensittiche
Immer wieder stellt sich der Besitzer eines entflogenen Vogels verzweifelt die Frage, ob ihr Wellensittich draußen überhaupt überleben kann. Das hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Ist das Wetter schlecht mit niedrigen Temperaturen und viel Regen, kann der Sittich - wenn überhaupt - nur wenigen Tage in freier Natur überleben. Bei Minusgraden und geschlossener Schneedecke gelingt es ihm mit großer Wahrscheinlichkeit nicht einmal, die erste Nacht im Freien zu überstehen.

Entflogener UnzertrennlicherWährend des Sommers und im Herbst stehen die Chancen für gefiederte Ausreißer am besten. Die Natur bietet den Tieren Nahrung im Überfluss, sofern sie diese erkennen. Vögel, die außer Körnerfutter nie etwas Frisches zu Gesicht bekommen haben, werden sich draußen schwer tun, etwas Essbares zu finden. Kennt ein Wellensittich aus seiner Haltung beispielsweise Wildgräser als leckere Nahrung, wird er sich schnell an die Bedingungen in freier Natur anpassen und dort die Samenstände der Gräser fressen. Aufgrund der verfügbaren Nahrung und der moderaten Temperaturen im Sommer und frühen Herbst können Wellensittiche deshalb theoretisch einige Wochen in der mitteleuropäischen Natur überleben. Es kommt jedoch bedauerlicherweise ebenso vor, dass ein entflogener Wellensittich etwas für ihn Ungenießbares oder Schädliches frisst und an einer Vergiftung stirbt. Ein trauriges Beispiel hierfür ist mein Wellensittich Ceti, der mir 1993 zugeflogen ist und an einer Vergiftung gelitten hat, an deren Spätfolgen er trotz aller Bemühungen meines Tierarztes wenige Monate später verstarb.

In einigen Großstädten schließen sich in den Stadtgärten jeden Sommer ganze Schwärme entflogener Wellensittiche zusammen, die die Anwohner in ungläubiges Staunen versetzen. Im Schwarm sind die Tiere erheblich weniger durch Fressfeinde gefährdet. Ein allein umherziehender Wellensittich ist hingegen ständig durch Greifvögel, Katzen und einige weitere Fleischfresser bedroht - und sein Instinkt ist durch die Heimhaltung eventuell so sehr abgestumpft, dass er die Gefahr erheblich zu spät erkennt.

"Erste Hilfe" nach dem Entfliegen
Meist entwischen Wellensittiche dann in die Freiheit, wenn der Vogelhalter in der Nähe ist und unachtsam oder fahrlässig gewesen ist. Sollte Ihr Sittich draußen in der Nähe ihrer Wohnung in einem Baum oder Strauch sitzen, ist die Chance am größten, ihn einzufangen. Wichtig ist dabei jedoch, dass Sie Ihren Vogel auf gar keinen Fall erschrecken und zum Auffliegen veranlassen sollten. Vermeiden Sie jedwede hektische Bewegung oder schrille Rufe. Viel mehr sollten Sie beruhigend auf ihn einreden und ihn beispielsweise mit seinem Lieblingsfutter anlocken.

Noch besser ist es, wenn Sie einen Lockvogel in einem Käfig mit nach draußen nehmen, den Ihr Wellensittich bestenfalls kennen sollte. Ruft zum Beispiel der gefiederte Partner seinen entflogenen Freund, wird dieser mit eventuell zu seinem Lebensgefährten zurückkehren. Sitzt der entflogene Vogel dann tatsächlich auf dem Käfig, in dem sich der Lockvogel befindet, sollten Sie sehr vorsichtig zurück ins Haus gehen. Erst wenn Sie in geschlossenen Räumen sind - zum Beispiel im Hausflur -, ist es ratsam, den entflogenen Vogel mit der Hand oder einem Kescher einzufangen. Falls Sie ihn nicht erwischen sollten und er auffliegt, hat er im Haus keine Chance, Ihnen gänzlich zu entkommen, was draußen hingegen der Fall sein könnte.

Manchmal ist der entflogene Vogel ein Stück weit von zu Hause weg oder man kann keinen Lockvogel mit nach draußen nehmen. Dann sollten Sie einen leeren Käfig mit nach draußen nehmen und versuchen, Ihren Vogel mit den Rufen seines Partners oder seiner Artgenossen anzulocken, die Sie mit Ihrem Handy abspielen. Dafür müssen Sie die Rufe nur vorher aufnehmen - und schon haben Sie sie immer griffbereit, falls Sie sie draußen in einem Notfall brauchen.

Das Einfangen hat nicht geklappt. Und nun?
Ist der Sittich aus Ihrer Sichtweite verschwunden, ist es reine Glücksache, ob Sie Ihren Vogel jemals wiedersehen werden. Sie sollten umgehend Annoncen in Tageszeitungen in Ihrem Wohnort und in den umliegenden Städten schalten. Außerdem sollten Sie das örtliche Tierheim benachrichtigen und Ihren Vogel dort als vermisst oder entflogen melden, da viele Menschen, die ein Tier finden, im Tierheim anrufen. In der näheren Umgebung Ihres Hauses sollten Sie Zettel aufhängen,, die darauf hinweisen, dass Ihnen ein Vogel entflogen ist. Darüber hinaus besteht auf einigen Internetseiten die Möglichkeit, eine meist kostenlose Online-Annonce aufzugeben. Eine sehr gute Anlaufstelle ist Tiersuchdienst.org Externer Link. Auch in der Onlineausgabe Ihrer regionalen Tageszeitung oder einer ähnlichen Publikation sollten Sie eine Anzeige schalten beziehungsweise nach einer Anzeige Ausschau halten, denn eventuell hat der Finder Ihres Vogels dort inseriert.

ZZF-FlyerEine weitere kompetente Anlaufstelle ist der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe e. V. (ZZF), der in Deutschland einen speziellen Suchdienst für Vögel Externer Link betreibt, bei dem man entflogene sowie zugeflogene Vögel wahlweise per Postkarte, telefonisch (06103/9107-24) oder via E-Mail (ringstelle@zzf.de) melden kann. Entsprechende Formulare erhält man ferner in Zoogeschäften, die dem ZZF angehören.

Die ausgefüllte Meldekarte schickt man an die ZZF-Ringstelle, wo sie rasch bearbeitet wird. In dieser Zentrale verwalten die Mitarbeiter des ZZF die Daten ent- und zugeflogener Vögel, wobei die Ringnummer die wichtigste Angabe ist. Deshalb ist es ratsam, die Ringnummer Ihres Wellensittichs ständig parat zu haben, falls er Ihnen trotz aller Vorsicht doch eines Tages entwischen sollte. Wofür die einzelnen Angaben auf dem Fußring stehen, können Sie im Kapitel über Fußringe nachlesen.

Suchen Sie nach Annoncen von Menschen, denen Vögel zugeflogen sind, dann durchstöbern Sie außerdem einige große Sittichforen, zum Beispiel:

Es bleibt zu hoffen, dass Sie Ihren entflogenen Vogel auf diese Weise zurückbekommen. Die Chancen dafür stehen allerdings eher schlecht. Stellen Sie sich emotional darauf ein, dass Sie Ihren Vogel nie mehr wiedersehen. Dann ist es umso schöner, wenn Sie doch positiv überrascht werden und Ihr Tier irgendwann wieder bei sich haben.
 
 
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