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  In den Köpfen vieler Vogelhalter hat sich in den vergangenen Jahren eine Reihe von Irrtümern festgesetzt, über die dieses Kapitel informiert. Viele dieser Irrtümer sind entstanden, weil man früher, als die ersten Bücher über diese Vogelart geschrieben worden sind, das Verhalten der Wellensittiche noch nicht so gut wie heute gekannt hat. Inzwischen wissen die Fachleute es zwar besser, aber einige dieser vermeintlichen "Fakten" haben sich noch nicht bis zu allen Vogelhaltern herumgesprochen, weil sie nach wie vor in den Fachbüchern zu finden sind.

Wellensittiche haben immer Milben
Ein Wellensittich kratzt sich Diese Aussage entspricht nicht in jedem Fall der Wahrheit, in manchen aber doch. Um dies zu verstehen, müssen wir ein wenig ins Detail gehen. Die heimischen Wildvögel sowie die wilden Verwandten unserer Heimvögel leben draußen meist in einem Gleichgewicht mit Parasiten, darunter auch Milben. Gesunde Vögel kommen damit in aller Regel zurecht, sofern die Parasiten nicht in extrem hoher Anzahl auftreten. Daran ist Parasiten aber für gewöhnlich nicht gelegen. Sie sind darauf angewiesen, dass ihr Wirtsorganismus möglichst lange überlebt, um ihnen selbst eine Lebensgrundlage zu bieten. Deshalb töten Parasiten ihre Wirte normalerweise nicht.

Für in Menschenobhut gehaltene Vögel gilt, dass insbesondere jene Tiere, die im Haus gehalten werden, nicht allzu oft mit Milben in Kontakt kommen. Lediglich wenn Milben beispielsweise mit Ästen ins Haus eingeschleppt werden (zum Beispiel Rote Vogelmilben) oder wenn infizierte Vögel neu in den Bestand kommen (beispielsweise mit Räudemilben infizierte Individuen), kann es zu einer Ansteckung kommen. In Außenvolieren lebende Heimvögel sind in aller Regel nicht hermetisch von Wildvögeln getrennt, die theoretisch Milben auf sie übertragen könnten. Und auch Blutsauger wie die Rote Vogelmilbe können von umliegenden Sträuchern und Bäumen in Außenvolieren krabbeln.

Es ist somit nicht die Regel, dass Vögel Milben haben. Wenn sie jedoch von diesen Parasiten besiedelt werden, dann sind die betroffenen Vögel in vielen Fällen gewissermaßen krank. Denn die meisten Parasiten – Blutsauger wie die Rote Vogelmilbe einmal ausgenommen – können sich vor allem dann besonders stark auf Vögeln vermehren, wenn deren Organismus geschwächt ist. Dies ist häufig dann der Fall, wenn die Tiere an einer anderen Erkrankung leiden oder durch massiven Stress negativ beeinflusst wurden.

Und um die Sache noch komplizierter zu machen: Es gibt einige Milbenarten, die auf vielen Vögeln leben, ohne Beschwerden zu verursachen. Es sind bestimmte Milben, die das Gefieder bewohnen und dieses für gewöhnlich auch kaum schädigen, sofern sie nicht in extrem großer Zahl auftreten. Zumindest ansatzweise ist dies mit Milben vergleichbar, die auf uns Menschen leben und von denen nicht jeder Betroffene etwas bemerkt. Sogenannte Augenmilben bewohnen die Wimpern und lösen bei manchen Menschen keinerlei Beschwerden aus.

Doch zurück zu den Vögeln. Oft wird angenommen, dass ein Vogel, der sich häufig kratzt oder der sein Gefieder oft mit dem Schnabel richtet, wohl wahrscheinlich Milben hat. Dies ist ein Missverständnis, denn ein bestimmtes Maß an Kratzen mit dem Fuß und Richten des Gefieders mit dem Schnabel ist normal. Beides sind Handlungen, die bei Vögeln zur täglichen Gefiederpflege gehören. Lediglich wenn sich die Tiere ständig kratzen, bis sie gar bluten, oder wenn sie so häufig an ihrem Gefieder herumnesteln, dass sich Defekte im Federkleid ergeben, könnte tatsächlich ein (schwerer) Befall mit Milben vorliegen. Dann sollte unbedingt ein vogelkundiger Tierarzt zu Rate gezogen werden.

In einem weiteren Zusammenhang werden vermeintlich auf Vögeln lebende Milben als Problem erachtet: Manche Menschen gehen davon aus, dass die Vogelmilben bei ihnen Allergien auslösen können. Dies ist aber in den meisten Fällen nicht so, hier werden Fakten miteinander verwechselt. Die auf den Vögeln lebenden Milben sind entweder Blutsauger, bohren sich in Haut oder Schnabelhorn beziehungsweise ernähren sich von Gefiederpartikeln. Sie verursachen in aller Regel nur bei Vögeln Probleme. Was bei Menschen häufig Allergien auslöst, sind hingegen sogenannte Hausstaubmilben. Diese Milben leben jedoch nicht auf Vögeln, sondern in Matratzen, Teppichen und Möbeln sowie Textilien, wo sie unter anderem menschliche Hautschuppen als Nahrung finden. Hausstaubmilben sind nur entfernt mit jenen Milben verwandt, die Vögel parasitieren.

Wer also Hausstauballergiker ist, hat von Vogelmilben in aller Regel nichts zu befürchten. Die Vögel selbst können sich auf die Allergieprobleme allerdings negativ auswirken. Die Ausscheidungen der winzigen Hausstaubmilben mischen sich in den normalen Hausstaub. Wird dieser eingeatmet, kann er bei Allergikern zu Reizungen der Atemwege führen und er kann bei Kontakt mit den Augenschleimhäuten zu Brennen, Jucken und Rötungen führen. Frei fliegende Heimvögel wirbeln diese Staubmischung auf. Dies kann bei empfindlichen Personen tatsächlich zu einer Verstärkung der Symptome einer Hausstauballergie führen. Es geschieht aber unabhängig davon, ob ein Vogel selbst Milben hat oder nicht.

Wellensittiche sind monogam
Wellensittichdame Maia und ihre beiden Verehrer Pollux und Charly Als dieses Gerücht in die Welt gesetzt wurde, galten im christlich geprägten Europa, in Australien und Amerika noch erheblich schärfere Moralvorstellungen als heute. Die Autoren der ersten Berichte über Wellensittiche haben die damals geltenden Moralvorstellungen kurzerhand von uns Menschen auf die kleinen Papageien übertragen. Doch mit der Wahrheit hat dies nichts zu tun: Wer mehr als zwei Wellensittiche hält, wird vermutlich über kurz oder lang feststellen, dass die Vögel keineswegs in treuer, lebenslanger Einehe leben. Übrigens gilt dies nicht nur für Wellensittiche, die meisten Vogelarten halten es mit der Treue nicht immer allzu genau. Jedoch wird auch nicht permanent fremdgegangen. Mitunter wird nur hin und wieder ein wenig „angetestet“, ob ein anderer Partner möglicherweise mehr Vorzüge zu bieten hätte. Das tun Vögel, weil sie instinktiv nach dem bestmöglichen Partner für die Fortpflanzung und damit für die Arterhaltung suchen.

In manchen Fällen werden auch offen Dreiecksbeziehungen gelebt. Die in der Nähe dieses Absatzes gezeigten Vögel hatten eine solche Beziehung. Das blaue Weibchen war mit beiden Männchen liiert. Während der meisten Zeit war es für die gefiederten Herren in Ordnung, nur gelegentlich waren sie eifersüchtig und es gab ein kleines Kräftemessen, was aber zum Glück in aller Regel harmlos blieb. Dabei wurden lediglich ein paar arttypische Drohgebärden vorgeführt.

In gewisser Weise war dieses „Dreiergespann“ aber ein wenig untypisch. Denn meist sind es die Männchen, die zwei Weibchen zur Partnerin nehmen und nicht die Weibchen, die sich zwei Männchen „halten“. Während der Phase der Jungenaufzucht ist es übrigens meist so, dass die Männchen, die zwei Partnerinnen haben, sich dann nur auf eines der Weibchen konzentrieren. Bei Dreierbeziehungen mit einem Weibchen und zwei Männchen kann es dagegen vorkommen, dass beide Hähne das Weibchen und die Jungen umsorgen.

Wellensittichweibchen singen nicht
Diese Aussage ist falsch. Tatsächlich singen bei den Wellensittichen beide Geschlechter. Das Gesangsrepertoire der Weibchen ist ebenso umfangreich ist wie das ihrer männlichen Artgenossen, Unterschiede sind nicht zu hören. Allerdings tragen die meisten Weibchen ihren Gesang nicht so häufig vor wie die Männchen. Manche Weibchen singen nie, aber das kommt auch in sehr seltenen Fällen bei Männchen vor.

Männchen können besser sprechen als Weibchen
Die Aussage stimmt so nicht. Zwar ist es wahr, dass durchschnittlich mehr Männchen das Sprechen erlernen und dies auch schneller bewerkstelligen als ihre weiblichen Artgenossen. Aber die Weibchen können das von ihnen erlernte Repertoire an Worten genauso deutlich vortragen wie ihre männlichen Artgenossen. Die Sprachbegabung der Wellensittiche ist allerdings ein zweischneidiges Schwert, siehe Kapitel zu diesem Thema.

Männchen sind anhänglicher als Weibchen
Auch diese vermeintliche Weisheit gehört ins Reich der Fabeln. An sich sind Weibchen etwas eigensinniger als Männchen, doch auch sie können innige Bindungen zu anderen Vögeln wie zum Menschen eingehen. Es hängt vom Individuum ab, wie innig eine Freundschaft mit den Vögeln ist. Grundsätzlich sind aber die Männchen tatsächlich oft den Menschen gegenüber etwas aufgeschlossener. Erstaunlicherweise sind es in meinem Vogelschwarm aber bisher vor allem die Weibchen gewesen, mit denen ich sehr enge Beziehungen gepflegt habe beziehungsweise pflege. Wenn man erst einmal das Vertrauen eines Wellensittichweibchens gewonnen hat, dann können sie sehr anhänglich werden, was mir schon wütende Scheinangriffe der gefiederten Partner eingebracht hat, die eifersüchtig waren, wenn ihre „Mädels“ sich vorübergehend lieber mit mir beschäftigt haben als mit ihnen.

Im Schwarm gehaltene Wellensittiche bleiben scheu
Zweifelsohne beschäftigen sich im Schwarm oder paarweise gehaltene Wellensittiche mehr mit ihren Artgenossen als mit ihrem Halter. Trotzdem kann ein ganzer Vogelschwarm zahm sein - das zeigen mir viele meiner Tiere tagtäglich. Wer sich als Tierhalter um seine Vögel kümmert und ihnen ein Gefühl der Sicherheit vermittelt, wird sie irgendwann sicher zähmen können, auch wenn es mehrere Tiere sind. Es erfordert allerdings etwas Geduld, die man als verantwortungsbewusster Vogelhalter für seine Sittiche unbedingt aufbringen sollte - es lohnt sich!

Wellensittiche können ihr Geschlecht ändern
Weibchen in Brutstimmung Weibchen nicht in BrutstimmungDiese Aussage ist falsch und widerspricht jeder Regel der Biologie. Kein Vogel – ganz egal, zu welcher Art er gehört – ist zu einem Wechsel des Geschlechts in der Lage, wie es beispielsweise bei einigen Fischen üblich ist. Das Geschlecht eines Wellensittichs ist angeboren. Es lässt sich anhand der Färbung der Wachshaut, also an der Nase, erkennen, siehe Kapitel über die Geschlechtsbestimmung. Bei gesunden geschlechtsreifen Weibchen, die in Brutstimmung sind, ist die Nase in aller Regel braun gefärbt, bei den Männchen kräftig blau. Die Intensität der Farbe variiert je nach Brutkondition beziehungsweise Hormonstatus.

Gerät ein Weibchen in Brutstimmung, wird die Braunfärbung der Nase in aller Regel kräftiger, wohingegen die Nase der Weibchen in hormonellen Ruhephasen hellblau ist. Blau wird aber irrtümlicherweise grundsätzlich für die männliche Nasenfarbe gehalten, ohne dabei auf die Farbintensität zu achten. Es gilt: kräftig mittel- bis dunkelblau = Männchen, weißlich-blau = Weibchen in hormoneller Ruhephase oder noch nicht geschlechtsreif.

Da die Vögel im Laufe der Zeit Schwankungen in der Ausschüttung der Geschlechtshormone durchleben, kann die Färbung der Nase bei Wellensittichweibchen von schokoladenbraun nach hellblau wechseln, was jedoch keine Geschlechtsumwandlung darstellt. Ähnlich verhält es sich bei Männchen, deren blaue Nase plötzlich schokoladenbraun wird. Bei ihnen stecken ebenfalls die Hormone dahinter. Ihr Körper verweiblicht, weil er zu viele weibliche Geschlechtshormone (Östrogen) ausschüttet. Dies ist in den meisten Fällen die Folge eines bestimmten Tumortyps an den Hoden der Vögel. Ein Wellensittichmännchen, das eine braune Wachshaut bekommt, ändert also nicht sein Geschlecht, sondern ist sehr wahrscheinlich schwer krank.

Linktipp: Michael Braun hat auf seiner Homepage eine Aktion namens "Stimmt doch gar nicht Externer Link" ins Leben gerufen, die mit falschen Informationen über Wellensittiche aufräumt.

 
 
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