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  Erfahrungsbericht von Gaby Schulemann-Maier

Vogel mit Hüftschaden Leidet ein Vogel an einem Hüftschaden, so ist er in seiner Beweglichkeit in aller Regel stark eingeschränkt. Stehen, Gehen und Landen sind für einen solchen Vogel schwierig, der Paarungsakt ist in nahezu jedem Fall unmöglich. Ebenso viele Schwierigkeiten bereitet es den Tieren, aus dem Stand zu springen. Hüftschäden gehören demnach zu denjenigen Behinderungen, die besonders starke Einschnitte in den Alltag eines Vogels mit sich bringen und seine Mobilität enorm einschränken. Je nach Ursache ist ein Hüftschaden permanent schmerzhaft, dies sollte unbedingt mit einem fachkundigen Tierarzt besprochen werden. Nur solchen Vögeln, deren Hüftschaden nicht ein Leben lang unablässig Schmerzen verursacht, sollte man ein Dasein mit diesem Handicap zumuten!

Eine typische Ursache für schwere Einschränkungen in der Beweglichkeit stellt eine ausgekugelte Hüfte dar; der medizinische Fachbegriff hierfür lautet Luxation. Derlei Auskugelungen können Vögel jeden Alters treffen, und sie sind nicht heilbar! Ist das Gelenk einmal geschädigt, besteht bei ausgewachsenen Tieren keine Möglichkeit, den verrutschten Knochen wieder in seine ursprüngliche Position zu bringen. Lediglich bei Jungtieren, die sich noch im Wachstum befinden, ist eine Behandlung möglich, allerdings nicht in jedem Fall von Erfolg gekrönt. Darüber hinaus können verbogene Oberschenkelknochen oder angeborene Hüftfehlstellungen zu schwerwiegenden Haltungsproblemen führen.

Klassische Unfallsituationen
Ausgekugeltes Hüftgelenk Meist sind es Unfälle, die zu einer Luxation der Hüfte eines Vogels führen. Jungtiere erleiden mitunter das Schicksal, zur falschen Zeit am falschen Ort gestanden zu haben. Ist die Anzahl der Nestlinge besonders groß, so sind viele der Geschwister bereits mehrere Tage alt und entsprechend groß, wenn das jüngste Tier aus seinem Ei schlüpft. Im Gedränge innerhalb des engen Nistkastens kann es geschehen, dass eines der älteren - und damit schwereren - Geschwister oder ein Elterntier so unglücklich auf einen sehr jungen Nestling tritt, dass dessen Hüftgelenk unter dem Gewicht des anderen Vogels auskugelt.

Beidseitiger Hüftschaden Ältere Jungtiere aus einem durchschnittlich großen Gelege können ebenfalls eine Luxation erleiden, wenn sie mit ihren Geschwistern herumtollen und eines der Alttiere sich dabei versehentlich auf sie stellt. Da die Hüften heranwachsender Vögel wie sämtliche Gelenke besonders empfindlich sind, ist das Risiko einer Luxation bei ihnen naturgemäß erhebtlich größer als bei vollständig ausgewachsenen Tieren. Der Grund dafür ist, dass die Knochen und Gelenke während der Wachstumsphase noch nicht ganz ausgehärtet sind und leichter nachgeben als bei Alttieren.

Verdrehtes Bein bei einem JungtierEine weitere relativ häufige Ursache für eine Hüftluxation oder verbogene Oberschenkelknochen ist das Liegen der Nestlinge auf einem nicht geeigneten Untergrund. Brüten die Altvögel auf einem ebenen Untergrund, also beispielsweise in einem Nistkasten ohne Nistmulde oder gar auf dem Käfigboden, stellt das Gewicht der Vogelmutter, die ihren Nachwuchs wärmt, eine enorme Belastung für das Skelett der Jungtiere dar. In einer Nistmulde verteilt sich das Gewicht der Mutter besser, weil die Jungtiere durch die Steigung der Unterlage seitlich gestützt werden. Ist dies nicht der Fall, verbiegen die im Wachstum noch weichen Oberschenkelknochen und/oder die Hüftgelenke kugeln aus. Deshalb sollte man Wellensittiche und andere Vögel niemals auf einem ebenen und glatten Untergrund brüten lassen! Ist es trotzdem passiert, hilft nur eins: So früh wie möglich zum Tierarzt zu gehen und das Jungtier noch während der Wachstumsphase behandeln zu lassen. Eine Bandage an den Beinen kann zumindest ausgekugelte Hüftgelenke oft wieder in die richtige Position bringen. Weitere Informationen über diesen speziellen Fall finden Sie in der Rubrik über die Wellensittichzucht.

Unsanfte Landungen, Hängenbleiben mit einer Kralle oder kleine Streitigkeiten unter Artgenossen können bei Altvögeln zu einer Auskugelung des Hüftgelenks führen. Je schlechter die Ernährungssituation der Tiere ist, desto weicher sind häufig ihre Knochen (siehe Beitrag über Osteomalazie). Aufgeweichte Knochensubstanz führt deshalb bei ausgewachsenen Wellensittichen zu einer erhöhten Anfälligkeit für Gelenk- und Knochenschäden. Aus diesem Grunde ist es wichtig, Ziervögel immer möglichst abwechslungsreich zu ernähren, um eine optimale Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen stets zu gewährleisten.

Der folgende Film zeigt ein junges Wellensittich-Weibchen beim Laufen, das unter einer beidseitigen Füftfehlstellung leidet: bitte hier klicken Externer Link (Dateiformat avi mit DivX-Kompression Externer Link, 822 kB).

Symptome einer Luxation oder eines verbogenen Knochens
Abgespreiztes Bein In aller Regel zeigen sich die Symptome bei Jungtieren in erheblich stärkerem Maße als bei erwachsenen Vögeln. Wird ein Nestling am Hüftgelenk verletzt oder ist sein Oberschenkelknochen durch ständigen Druck verbogen, so steht das betroffene Bein seitlich ab. Typischerweise liegen betroffene Vögel auf der Innenseite des jeweils abstehenden Beins. Das Bein ist meist um 90° vom Körper abgespreizt und für den Vogel nahezu unbrauchbar. In vielen Fällen fehlt im Fuß jeglicher Greifreflex.

Unmittelbar nach einem Unfall, bei dem die Hüfte ausgekugelt wurde, ziehen Altvögel das betroffene Bein an den Körper und schonen es. Beim Gehen lahmen sie auffallend und sind nahezu nicht mehr dazu in der Lage, sich auf das verletzte Bein zu stützen. Nach einigen Tagen spreizen sie das Bein mehr oder minder stark seitlich vom Körper ab, wie man es auch bei Jungvögeln beobachten kann, wobei der Winkel in aller Regel weitaus weniger extrem ausfällt als bei den Nestlingen.

Orions rechte Hüfte ist beschädigt Durch eine Luxation werden in praktisch jedem Fall Nervenstränge beschädigt, wodurch im betroffenen Fuß des Altvogels anschließend der Greifreflex fast immer fehlt. Die Zehen sind bei manchen Tieren in der sogenannten "Kusshandstellung" zusammengeklappt und weisen nach vorn, siehe Abbildung rechts. Da einerseits die ausgekugelte Hüfte nicht mehr dazu in der Lage ist, das Gewicht des Vogels zu tragen, und andererseits der Fuß nicht mehr wie von der Natur vorgesehen bewegt werden kann, stützen sich die Tiere auf den hinteren Teil ihres Laufs, was im Foto rechts gut zu erkennen ist. Sie liegen dabei mehr auf der Stange, als dass sie stehen.

Orions Geschichte
Einer meiner Vögel erlitt Ende Februar 2003 einen schweren Hüftschaden. Es traf den damals schon einige Jahre alten männlichen Wellensittich Orion aus heiterem Himmel. Er stand mitten im Leben, war ein kerngesunder, aktiver, fröhlicher und selbstbewusster Wellensittich und glücklich mit einer Artgenossin liiert, als es geschah.

Eines Abends saß er schlafend auf einer Schaukel, als ein Schwarmgefährte ihn schwer verletzte. Wütend darüber, dass er um 22:00 Uhr "schon" in den Schlafkäfig gehen sollte, rastete das andere Männchen förmlich aus. Der Vogel suchte sich ein Ventil, um seinen Unmut loszuwerden, und biss dem schlafenden Orion in den Oberschenkel. Sekundenbruchteile später begann er an Orion zu ziehen, um ihn von der Schlafschaukel zu werfen. Ich stand in unmittelbarer Nähe und hörte das hässliche Knirschen in Orions Hüftgelenk, das von einem gellenden Schmerzensschrei des Opfers begleitet wurde. Orion fiel auf den Käfigboden, noch immer schreiend vor Schmerz und unfähig, sich auf sein rechtes Bein zu stützen.

Ich war bestürzt, da ich Orion in keiner Weise helfen konnte. Wie sehr er unter seinen Schmerzen litt, wurde mir klar, als ich das gefiederte Häufchen Elend am nächsten Morgen betrachtete. Orion war vollkommen in sich zusammengesunken, ließ den Kopf hängen und bewegte sich kaum. Es dauerte zwei Tage, bis er wieder Nahrung zu sich nehmen wollte.

Die Tierärztin bestätigte keine zwölf Stunden nach dem Vorfall meine Vermutung, dass Orions Hüfte ausgekugelt war und riet mir dazu, ihn mit Traumeel zu behandeln. Dieses homöopathische Mittel sollte die Heilung des verletzten Hüftgelenks unterstützen und gegen die Schmerzen wirken. Nach gut zwei Wochen begann Orion erstmals wieder zu singen, bis dahin hatte ihn der Schmerz fest im Griff. Inzwischen weiß ich, dass es noch erheblich wirksamere Methoden der Schmerztherapie gibt, die der behandelnden Ärztin damals offenbar leider nicht bekannt gewesen sind. Man sollte also in einem solchen Fall nach Möglichkeit einen Vogel-Facharzt aufsuchen und mit ihm über eine wirksame Schmerztherapie reden. Wenn man die Gelenksverletzung schon nicht heilen kann, so sollte der Vogel in der Akutphase wenigstens keine heftigen Schmerzen erleiden müssen.

In der Anfangszeit war Orion verstört und verängstigt. Egal, welcher andere Sittich sich ihm näherte, er zuckte zusammen und wich sofort zurück. Nur seine Gefährtin Io konnte sich ihm nähern, ohne ihn in Angst zu versetzen. Vor allem Rudis Anblick löste bei Orion in den ersten Wochen nach dem Zwischenfall regelrechte Panik aus, war er es doch gewesen, der ihm diese Verletzung zugefügt hatte. Mir schien es, als wären die seelischen Wunden, die Orion davongetragen hatte, mindestens genauso gravierend wie die körperliche Verletzung.

Wochen später begann Orion damit, sich mit der Behinderung zu arrangieren. Dankbar nahm er die von mir angebrachten Ruheplattformen an, siehe entsprechendes Kapitel. Sein Charakter hat sich seit dem Angriff durch seinen Artgenossen stark verändert. Später war Orion ruhig, unauffällig, wenig selbstbewusst und aufgrund seiner eingeschränkten Beweglichkeit deutlich inaktiver als zuvor. Soweit es ihm möglich war, nahm er an den Aktivitäten im Vogelschwarm jedoch nach wie vor teil.

Probleme im Alltag
Abgesehen von den nahe liegenden Schwierigkeiten bei sämtlichen Aktivitäten, für die ein Vogel zwei gesunde Beine benötigt, muss ein Vogel wie Orion diverse auf den ersten Blick banale Probleme des Alltags meistern.

Trinkschalen, deren Ränder höher als 1,5 cm sind, stellen für Wellensittiche mit einer ausgekugelten Hüfte ein nur unter größten Anstrengungen überwindbares Hindernis dar.  Stürzen sie in die Trinkschale, können sie sich unter Umständen nicht mehr daraus befreien und können im schlimmsten Fall ertrinken. Fressnäpfe, an deren Vorderseite schmale Sitzstangen befestigt sind, eignen sich nicht sonderlich gut zum Anbieten der Körnermischung. Auf den dünnen Stegen oder Stangen können sich Vögel, deren Hüfte ausgekugelt ist, nahezu nicht halten. Besser geeignet sind flache Teller ohne hohen Rand, die hin und wieder gern als Liegeplatz zweckentfremdet werden.

Vor allem männliche Artgenossen interpretieren die liegende Haltung eines Vogels mit Hüftschaden zuweilen grundlegend falsch. Für sie mutet die Körperhaltung wie eine offene Einladung für einen Paarungsakt an. Deshalb müssen sich derart gehandicapte Vögel oft gegen zu aufdringliche männliche Artgenossen wehren, die sie besteigen wollen. Helfen akustische Drohlaute nicht, setzen gehandicapte Vögel ihren Schnabel gegen den aufdringlichen Gefährten ein, was vollkommen verständlich ist, jedoch einiges an Konfliktpotential birgt. Es ist daher sehr wichtig darauf zu achten, dass ein Vogel, dessen Hüfte beschädigt ist, nicht allzu oft bedrängt wird.

Orion liegt gern auf dem Käfig

Manche Handlungen, die während der arttypischen Gefiederpflege von Vögeln ausgeführt werden, sind für Hüftluxations-Patienten nicht möglich. So ist es dem betroffenen Vogel beispielsweise unmöglich, sich mit dem entsprechenden Bein am Kopf zu kratzen. Wenn es dort einmal juckt, muss der Vogel sich etwas einfallen lassen, also die entsprechende Stelle etwa an einem Gegenstand reiben.

Mit Kot verschmierte Kloakengegend Leider haben Vögel, die nicht aufrecht stehen können, oft ein weiteres unappetitliches Problem: Sie liegen nachts in ihrem eigenen Kot und verkleben sich das Gefieder rund um die Kloake. Das Foto rechts zeigt einen solchen extremen Fall. Der betroffene Vogel hat eine Nacht lang auf seinem Sitzbrettchen gelegen und am nächsten Morgen so ausgesehen. Ist das Gefieder im Bereich der Kloake mit Kot verklebt, so sollte man es zunächst mit lauwarmem Wasser befeuchten und die harte Schicht aufweichen. Nach einigen Minuten lässt sich der aufgeweichte Kot normalerweise leicht entfernen. Gegebenenfalls kann es sinnvoll sein, einige Federn rund um die Kloake abzuschneiden, wenn sich darin immer wieder Kot verfängt. Oft lässt sich durch eine solche Gefiederkorrektur dem massiven nächtlichen Verkleben zumindest teilweise entgegenwirken.

Nachtrag: Am 06. Mai 2003 hatte Orion einen weiteren Unfall, bei dem ein anderer Vogel ihm beim Herumtoben auf den Rücken sprang. Dabei trug er schwerste innere Verletzungen davon, sein Rückgrat war gebrochen. Orion war vom Hals abwärts gelähmt und beim Atmen waren rasselnde Geräusche zu hören, die damit einhergingen, dass ihm Blut aus dem Schnabel sickerte. Ich ließ ihn durch meinen Tierarzt umgehend von seinen nicht mehr heilbaren Leiden erlösen.

Linktipp: Einige Erfahrungsberichte und Tipps für Halter gehandicapter Wellensittiche bietet Jasmin Störk auf ihrer Webseite Externer Link.

 
 
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