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  Erfahrungsbericht von Gaby Schulemann-Maier

Jupiter und Elara Psychischer Stress kann einen Vogel schwer erkranken lassen, weil er sich negativ auf das Immunsystem auswirkt. So kann beispielsweise der Verlust des Partners den verwitweten Vogel erkranken lassen, wie es der tragische Fall der beiden in der rechten Abbildung gezeigten Wellensittiche veranschaulicht. Nachdem seine Gefährtin Elara an den Spätfolgen einer schweren Kopfverletzung gestorben war, trauerte Jupiter wochenlang extrem um sie. Ich sorgte mich um ihn, da er kaum noch etwas fraß, unermüdlich nach seiner verstorbenen Gattin suchte und von den ständigen Kontaktrufen oft so ausgelaugt war, dass er vor lauter Erschöpfung fast von der Stange gefallen wäre. Krank war er anfangs nicht, ich habe ihn vom Tierarzt gründlich untersuchen lassen. Bei ihm waren zu Beginn allein seine Trauer und Verwirrung über das Verschwinden seiner gefiederten Ehefrau für seine schlechte Verfassung verantwortlich.

Zwei Monate später nahm die Situation eine dramatische Wendung. Jupiter war von einem auf den anderen Tag auffallend matt, er fraß nichts mehr, schlief übermäßig viel und saß apathisch in einer geschützten Ecke des Vogelzimmers. Innerhalb kürzester Zeit verschlechterte sich sein Zustand und er begann zu taumeln. Plötzlich konnte er nicht einmal mehr fliegen. Er drehte sich bei jedem Flugversuch unbeholfen im Kreis und trudelte unkontrolliert auf den Boden, wo er hart aufschlug. Es gelang Jupiter nicht mehr, seine Flügel koordiniert zu bewegen.

Mein Tierarzt, den ich sofort aufgesucht hatte, stellte eine schwere Infektion fest, die im Begriff war, sich zerstörerisch auf das Zentrale Nervensystem meines Sittichs auszuwirken, und das mit erschreckend hohem Tempo. Zwar konnten wir durch die sofortige Medikamentengabe eine weitere Verschlechterung seines Zustandes verhindern, aber die bereits geschädigten Nerven regenerierten sich dadurch bedauerlicherweise nicht mehr. Als Folge der Infektion war Jupiter von diesem Zeitpunkt an bis zu seinem Lebensende flugunfähig, weil er seinen gesamten Körper beim Fliegen nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Jupiters Handicap ist unsichtbar Anders als einer seiner Schwarmgefährten, der aufgrund von Altersschwäche flugunfähige geworden war, gewöhnte sich Jupiter nur langsam an sein Schicksal. Oft sprang er mit voller Kraft von einem möglichst hohen Punkt in die Luft, um dann wie ein Stein auf den Boden zu prallen.

Bei Stürzen aus mehr als 30 Zentimetern Höhe geschah immer etwas Erschreckendes: Unmittelbar nach dem laut klatschenden Aufprall auf seine ungeschützte Flanke gab Jupiter einen Schmerzensschrei von sich. Dann begann er am gesamten Körper zu zucken und lief ständig im Kreis, wobei er die Flügel hängen ließ. Sein Blick "flog" durch den Raum, er konnte allem Anschein nach keinen Punkt mit seinem Blick fixieren. Manchmal jammerte er dabei vor Schmerzen oder vor Schreck, oft sackte er nach einigen Sekunden schlaff in sich zusammen, schloss die Augen und ließ erschöpft die Flügel hängen. Seine Beine trugen ihn dann kaum noch, er lag meist bäuchlings auf dem Boden.

Nahm ich ihn während eines solchen Anfalls in die Hand, spürte ich, wie sein Körper von Zuckungen und Muskelkrämpfen geschüttelt wurde. Es schien ihm zu helfen, wenn ich seinen Kopf kraulte. Er beruhigte sich dadurch schneller als wenn ich ihn gänzlich in Ruhe ließ. Meist klangen die Zuckungen nach etwa zwei bis drei Minuten ab. Jupiter war anschließend vollkommen erschöpft. Eine halbe Stunde nach diesen Anfällen hatte er sich jedoch normalerweise stets wieder vollständig erholt und man merkte ihm nicht mehr an, wie schlecht es ihm kurz zuvor noch ergangen war. Was genau in seinem Körper nach derlei Stürzen vorging, weiß ich nicht. Ein Tiermediziner äußerte diesbezüglich die Vermutung, Jupiter leide eventuell an epileptischen Anfällen, die durch den Schock und die Schmerzen beim Aufprall ausgelöst wurden.

In den ersten Wochen nach dem Verlust seiner Flugfähigkeit verunglückte Jupiter im Durchschnitt alle drei Tage auf die oben beschriebene Weise, sodass ich ernsthaft überlegte, ihn einschläfern zu lassen, bevor er sich eines Tages durch seine erfolglosen Flugversuche umbringen würde. Als er jedoch aufhörte, das Fliegen zu versuchen, kam es praktisch nicht mehr zu solchen Zwischenfällen.

Später geschah es nur noch selten, dass er wie ein Stein zu Boden fiel, was unter anderem daran lag, dass ich das Vogelzimmer umgestaltet hatte und er sich nirgendwo höher als 30 Zentimeter über dem Boden aufhalten konnte. Meist stürzte Jupiter ohnehin immer nur dann ab, wenn der Vogelschwarm erschrak und unter Äußerung lauter Alarmrufe durchs Zimmer flog. Jupiters Fluchtinstinkt siegte und er versuchte mit den Artgenossen wegzufliegen, was ihm gelegentlich einen der oben beschriebenen Anfälle bescherte.

Jupiter ist flugunfähig Damit Jupiter nicht allzu tief abstürzen konnte, erfolgte der bereits erwähnte Umbau des Vogelzimmers. Ich habe sämtliche hohen Kletterbäume aus seiner Reichweite entfernt und neue, flache Klettergestelle gebaut. Glücklicherweise kann man Kletterbäume eher breit als hoch angelegen, sodass flugunfähige Vögel ausreichend viele Klettermöglichkeiten und die damit verbundene, für sie gesunde Möglichkeit zur Bewegung haben, aber nicht Gefahr laufen, in die Tiefe zu stürzen und sich dabei eventuell tödlich zu verletzen. Ich befürchtete immer, dass Jupiter eines Tages aufgrund eines solchen Sturzes ums Leben kommen würde, was aber nicht der Fall war. Er starb letztlich an einer Infektion, gegen die jeder Behandlungsversuch machtlos war.

Weil Jupiter ein ausgesprochen fröhlicher Zeitgenosse war, habe ich nach meiner anfänglichen Skepsis nie mehr in Erwägung gezogen, ihn aufgrund seines Handicaps einschläfern zu lassen. Lieber habe ich das Vogelzimmer umgestaltet und ihm ein weitestgehend unfallfreies und damit beschwerdefreies Leben ermöglicht. Nachdem er die Trauer um seine Gefährtin überwunden hatte, sang er oft und vor allem laut, war nach einer kurzen Lernphase zu einem geschickten Kletterer und schnellen Fußgänger geworden und hatte unter den anderen Vögeln viele treue Freunde. Ich bin froh, dass ich ihm ein Leben unter Artgenossen bieten konnte.

Linktipp: Einige Erfahrungsberichte und Tipps für Halter gehandicapter Wellensittiche bietet Jasmin Störk auf ihrer Webseite Externer Link.

 
 
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