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  Home > Vögel mit Handicap > Missgestaltete Gliedmaßen: Pino - ein harter Start ins Leben
     
  Erfahrungsbericht von Susann Blum Externer Link

Pino ist flügge Nachdem sich ein neues Pärchen in meinem kleinen Vogelschwarm gebildet hatte, bot ich den beiden im Herbst 2003 die Möglichkeit zu brüten und Junge aufzuziehen. Alles verlief wie im Lehrbuch. Bis das erste Küken schlüpfte ...

Bereits am Abend vor dem Schlupftag hörte ich das Piepsen aus dem Ei und war erleichtert, da das Küken bereits vier Tage überfällig war. Am nächsten Morgen stellte ich bei der Nistkastenkontrolle fest, dass das Küken immer noch im Ei lag. Das Ei wies aber ein großes Loch an einer Seite auf, durch das man das Küken im Ei gut sah. Besorgt wartete ich eine Stunde ab und schaute dann nochmals nach.

Pino ist gerade geschlüpft Das Küken war geschlüpft. Es lag da, noch ungefüttert, inmitten von Eisplittern und Blut. Ich war geschockt, voller Mitleid und dennoch bestrebt, schnell herauszufinden, was geschehen war und was nun zu tun war. Da lag ein Küken, welches den rechten Flügel zu zwei Dritteln abgerissen hatte und ebenso alle vier Zehen des rechten Fußes.

In der Zwischenzeit weiß ich mit einiger Sicherheit, wie es dazu kam. Berichten zufolge findet man hin und wieder tote Küken, die noch im Ei sind, genau mit dieser großen Lochöffnung auf der Seite. Diese Küken hatten eine Fehlstellung im Ei und die Mutter versuchte, ihren Nachwuchs zu befreien. Die Küken selbst können kein solches Loch im Ei herstellen. Die Mutter schafft das nicht immer, sodass manche Küken früher oder später im Ei sterben. Meine Henne war vermutlich übereifrig und zupfte so lange am Ei und leider auch am Küken herum, bis es ganz aus dem Ei herausgekommen war. Möglicherweise klebte das Küken auch ein wenig am Innern des Eis fest, da der Schlupf unnatürlich lange dauerte.

Pino im Nistkasten Mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf. Aber am meisten nahe liegend war es, dass das Küken in Kürze sterben würde, denn der Blutverlust war einfach zu groß für ein Wesen von einem Gramm Lebendgewicht. Das tat es aber erstaunlicherweise nicht. Zu diesem Zeitpunkt bekam es den Namen Pino. Innerhalb von vier Tagen hatte Pino drei Nestgeschwister und am sechsten Tag waren alle drei bereits größer als Pino. Trotzdem lebte der Kleine und er war inzwischen eine Woche alt.

Aber auch oder gerade weil das so war, durfte ich mich nicht nur in der Freude wälzen, dass Pino gegen jedes Gesetz der Logik lebte, sondern musste mich ernsthaft mit dem Gedanken auseinander setzen, was aus diesem Vogel in Zukunft werden würde.

Ich kontaktierte viele Vogelfreunde, die sich sehr engagierten und mir mit Rat zur Seite standen. Dabei kam auch die sehr deutliche Aufforderung, nicht weiter egoistisch zu handeln und dem Leiden so schnell wie möglich ein Ende zu bereiten.

Meine Überlegung war folgende: Ein flugunfähiger Wellensittich wird ein glückliches Leben führen können, denn er kann ja klettern. Ein Wellensittich mit einer Fußbehinderung wird ein glückliches Leben führen können, denn er kann ja fliegen. Pino aber wird flug- sowie flatterunfähig sein und an einem Fuß keine Greif- und damit Klettermöglichkeit haben. Ein Wellensittich, der nur einen Schnabel und einen Fuß zur Verfügung hat, zudem nicht einmal Flattern und somit bei Stürzen nicht reagieren kann ... Würde das ein glückliches oder zumindest lebenswertes Leben sein? Zudem war er seinerzeit unterentwickelt. Sein vier Tage jüngerer Bruder wirkte damals neben ihm wie ein Kraftprotz.

Pino und seine Geschwister

Auch auf die guten Zusprüche von anderen Vogelfreunden, die für das junge Vogelleben sprachen, wollte ich mich nicht ganz stützen. Es ist einfach gesagt, denn wer könnte schon so ein hilfloses lebendes Geschöpf töten? Aber ich hatte die Verantwortung und muss die Konsequenzen tragen.

Pino ist einige Tage alt Bloß wie um Himmels Willen sollte ich eine Entscheidung über Leben oder Tod treffen? Das konnte ich nicht. Deshalb fiel mein Entscheid gemäß einer logischen Überlegung aus: Ich ließ die Natur machen. Sollte Pino es schaffen, hätte er es in der Natur auch geschafft und dann soll es so sein. Wenn nicht, sollte es so sein. Ich entschied mich somit gegen ein zusätzliches Füttern von Hand und ließ dem Schicksal in Bezug auf das unterentwickelte Küken seinen Lauf.

 

 

 

Pinos Gefieder wird blau Pino meisterte es souverän. Er wuchs zu einem dunkelblauen jungen Hahn heran. Alles war in Ordnung. Das Problem holte uns aber mit dem Tag seines Ausfliegens aus dem Nistkasten wieder ein. Er konnte wie befürchtet nicht auf den Ästen sitzen beziehungsweise wenn er mal da saß und eines seiner Geschwister etwas unsanft zu ihm kam, fiel er zu Boden.

Ich begann, mit dem jungen Tier zu üben; setzte Pino immer wieder auf meinen Finger, obwohl er die Hand als Sitzplatz so gern mochte. Er musst das Ausbalancieren lernen und Sicherheit gewinnen.

Pino sitzt auf einem Ast Und wieder fand Pino seinen Weg. Er lernte, zuerst auf meinem Finger und dann wacker auf der Stange zu sitzen und vor allem über den Käfig zu rennen, sodass er - während die anderen ihren Freiflug genossen - auch hoch auf dem Käfig oben sitzen konnte. Er begann sich zu verteidigen gegen die spielfreudigen Nestgeschwister, die es besonders lustig fanden, ihren "großen" Bruder von der Stange zu schubsen. Noch immer jedoch vergaß er ab und zu, dass er nicht fliegen konnte und hüpfte in einem selbstmörderischen Akt vom Käfig, als ob er losfliegen wollte.

Pino klettert am Käfiggitter entlang Zum Abschluss präsentierte ich dieses Wundervögelchen noch dem Tierarzt, um einen Generalcheck durchzuführen. Pino zog alle Augen auf sich. Er benahm sich wie ein großer Star, saß während des Gesprächs mit dem Tierarzt zufrieden auf dem Finger, shakerte mit der Assistentin und wurde von allen Seiten bestaunt.

 

 

Pino als stolzer junger Vogelmann Sein Fuß wird für ihn keine Einschränkung sein. Er wird den Umgang damit lernen. Sein Flügel ist kürzer als man von der Optik her annehmen könnte. Äußerlich sieht es tiptop aus. Fliegen kann er nicht, er wird es auch nie können. Das Gleichgewicht auf der Stange halten kann er. Aber er vergisst es oft und springt zum Beispiel von der Hand auf den Käfig oder vom Käfig auf etwas anderes und verschätzt sich. Auf dem Boden reagiert er aus Reflex mit Flügelschlagen, was dann dazu führt, dass er sich im Kreise dreht, was für ein vogelliebendes Herz ganz furchtbar anzusehen ist. Aber ich habe mit ihm gelernt - und darauf bin ich noch ganz stolz ;-) -, dass er nach einem solchen Sturz auf ein Klopfzeichen auf den Boden reagiert, sich auf dem Boden beruhigt und auf die Hand zuläuft, um aufzusteigen. So muss ich ihn wenigstens nicht noch von oben greifen und ihn noch mehr beunruhigen.

Zudem ist die Stelle, an welcher der Flügel abgerissen ist, sehr dünnhäutig. Das führt dazu, dass er sich bei unvorsichtigem Verhalten mitunter Schürfwunden zuzieht, die ein wenig bluten, aber ohne Behandlung wieder verheilen. Das sei aber nicht weiter schlimm, so der Tierarzt. Ansonsten sei es ein gesunder und eben - wundervoller - Vogel. Und das kann ich nur bestätigen.

Linktipp: Einige Erfahrungsberichte und Tipps für Halter gehandicapter Wellensittiche bietet Jasmin Störk auf ihrer Webseite Externer Link.

 
 
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