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Ein einsames einzelnes WellensittichweibchenÜber eine artgerechte Haltung von Ziervögeln ist in den vergangenen Jahren viel diskutiert worden. Doch was ist darunter zu versethen? Hierfür sind einige Überlegungen notwendig, die in diesem Kapitel in Hinblick auf die speziellen Bedürfnisse der Wellensittiche dargelegt werden. Vieles von dem hier Geschilderten ist auf andere Ziervogelarten übertragbar, denn auch etliche andere Vögel, die in menschlicher Obhut gehalten werden, eignen sich nicht für die Einzelhaltung.

Niemals allein sein
Eine WellensittichgruppeEin wesentlicher Bestandteil einer artgerechten oder tiergerechten Haltung eines Wellensittichs ist es, dem Vogel die Möglichkeit zu bieten, ständig soziale Kontakte pflegen zu können. Warum dies erforderlich ist, erschließt sich, wenn man die Lebensweise der wilden Verwandten unserer Stubenwellensittiche betrachtet. In ihrer australischen Heimat leben Wellensittiche in teils sehr großen Schwärmen. Von ihrer Geburt an sind sie normalerweise niemals allein, es sind immer mehrere Artgenossen um sie herum. Im Nest sind dies zunächst die Eltern und die Geschwister. Nach dem Verlassen des Nestes werden die jungen Wellensittiche sofort Teil ihres Schwarmes. Aufgrund der Tatsache, dass Wellensittiche stets von Artgenossen umgeben sind, haben sich die Vögel im Laufe der Zeit zu ausgesprochen sozialen Tiere entwickelt. Sie brauchen den permanenten Kontakt zu anderen Individuen ihrer Art, um seelisch gesund zu bleiben. Außerdem bietet ein Schwarm ihnen in Australien Schutz vor Fressfeinden.

Betrachten wir nun einen einzeln gehaltenen Wellensittich. Um sein Bedürfnis nach permanenter Gesellschaft zu erfüllen, dürfte er niemals allein gelassen werden, auch nicht für eine halbe Stunde, weil der Halter in den Supermarkt oder zum Arzt gehen muss. Es müsste immer jemand im Haus sein, der sich mit dem Vogel beschäftigt, tagein, tagaus. Dies ist aber für nahezu keinen Vogelhalter tatsächlich umsetzbar.

Fatale Langeweile
Einsame Wellensittiche, die sich langweilen, können Verhaltensauffälligkeiten wie das Federrupfen entwickelnWird ein einzeln gehaltener Wellensittich oft allein gelassen, empfindet er wahrscheinlich instinktiv ein Unwohlsein aufgrund dieser für seine Art unnatürlichen Einsamkeit. Darüber hinaus langweilen sich die Tiere rasch, denn sie sind sehr intelligent und brauchen ständig eine geistige Forderung, die sie im Umgang mit ihren Artgenossen für gewöhnlich erleben. Sind Einzelwellensittiche allein, leiden sie psychisch und entwickeln nicht selten Verhaltensauffälligkeiten. Zu diesen kann das permanente Schreien oder das Federrupfern gehören.

Aufmerksamkeit rund um die Uhr
Weil Wellensittiche sehr soziale Tiere sind, schließen sich viele von ihnen dem Halter sehr eng an, wenn sie einzeln gehalten werden. Es findet eine sogenannte Fehlprägung statt: Die Vögel sehen die Menschen als Artgenossen und potenzielle Sexualpartner an und betteln ständig um Aufmerksamkeit. Sogar dann, wenn "ihr" Mensch sich in ihrer Nähe aufhält, leiden sie mitunter, wenn der Halter sich nicht mit ihnen beschäftigt, sondern beispielsweise kocht oder fernsieht. Faktisch kann also nahezu niemand einem einzeln gehaltenen, eventuell sogar fehlgeprägten Wellensittich die nötige Aufmerksamkeit rund um die Uhr zuteil werden lassen, sodass die Tiere häufig vergebens um Zuwendung betteln. Auf die Dauer dürfte dies aus der Sicht der Vögel sehr frustrierend sein.

Soziale Gefiederpflege
Die soziale Gefiederpflege, also das Kraulen ihres Gefährten, ist für Wellensittiche sehr wichtigFür ein tiergerechtes Dasein benötigt ein Wellensittich mindestens einen Gefährten, der sein Gefieder pflegt, ihn also beispielsweise im Nacken krault. Die soziale Gefiederpflege ist ein wichtiger Bestandteil des Alltags der Wellensittiche. Kein Mensch kann auch nur halb so gut kraulen wie ein anderer Wellensittich es mit seinem "Präzisionswerkzeug", dem Schnabel, bewerkstelligen kann. Dies gilt vor allem dann, wenn die Vögel in der Mauser sind und die feinen weißen bis silbrig gefärbten dünnen Hüllen, die Federscheiden, am Kopf eines Vogels Juckreiz verursachen. Mit ihrem Schnabel können Partnervögel die Federscheiden besonders vorsichtig und effizient öffnen und so dem mausernden Gefährten einen wichtigen Dienst erweisen.

Partnerfütterung
Die Partnerfütterung ist ein wichtiger Bestandteil des Soziallebens der WellensitticheUnter Wellensittichen ist es üblich, dass sich eng miteinander vertraute Vögel, die eine feste Paarbeziehung pflegen, gegenseitig füttern. Diese Partnerfütterung geht zwar meist vom Männchen aus, doch auch die Weibchen füttern mitunter ihren Partner. Kein Vogelhalter kann seinem Wellensittich Nahrung in einer Weise verabreichen, wie es ein Artgenosse tun würde. Das Erlebnis "Partnerfütterung", das für die sozial lebenden Wellensittiche wichtig ist, fehlt Einzelvögeln demnach. Ob sie die Partnerfütterung tatsächlich vermissen, darüber streiten manche Experten. Fakt ist jedoch, dass fehlgeprägte Wellensittichmännchen immer wieder versuchen, ihre Bezugspersonen mit hochgewürgten Körnchen zu füttern. Bei weiblichen Einzelwellensittichen ist oft zu beobachten, dass sie ihre Bezugsperson um Futter anbetteln, wie sie es normalerweise bei einem Artgenossen tun würden. Daraus kann man den Schluss ziehen, dass Einzelvögel die Partnerfütterung sehr wohl vermissen, sowohl aktiv (selbst fütternd) als auch passiv (gefüttert werden).

Fazit
Die auf dieser Seite genannten Aspekte sprechen dagegen, dass ein einzelner Wellensittich tatsächlich tiergerecht gehalten werden kann, auch wenn ein Vogelhalter versucht, ständig für das Tier da zu sein. Niemand kann einen Partnervogel ersetzen. So sehr man es auch versuchen mag, etliche Details aus dem Sozialleben der Wellensittiche können Menschen nicht nachahmen.

 
 
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