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  Die flugunfähige Icarus In der zweiten Novemberhälfte 2000 wandte sich eine ehrenamtliche Mitarbeiterin des Essener Tierheims Externer Link mit einer Bitte an mich an mich. Sie fragte, ob ich eventuell Platz für zwei heimatlose Wellensittiche in meinem Vogelzimmer hätte. Nach kurzem Überlegen willigte ich ein, da ich früher bereits zeitweilig zwölf Vögel in dem Zimmer untergebracht hatte und meine zehn Sittiche sich über weitere Gesellschaft sicher freuen würden.

Der zurückhaltende Puck Zwei Tage später traf ich mich mit Stefanie im Tierheim und sie zeigte mir die Vogelabteilung. Dort saßen ein halbes Dutzend schüchterner und verängstigter Schauwellensittiche, ein sich selbst die Federn ausrupfender Mohrenkopfpapagei, ein überaus kuscheliges Wellensittichpärchen, ein einzelner Welli, ein undefinierbarer Vogel und ein eher unansehnliches Pärchen. Diese beiden Vögel hießen Budgi und Charly. Wochen zuvor hatte man sie ins Tierheim gebracht und seither konnten sie nicht vermittelt werden, vermutlich da niemand sie schön fand, denn beide Vögel hatten eine Fettgeschwulst im Brustbereich. Hinzu kam, dass die arme Charly flugunfähig war. Der Vorbesitzer hat die beiden mit der Begründung ins Tierheim gegeben, seine Wohnung sei zu klein geworden. Vermutlich hat er sie zu heiß gewaschen und sie ist dabei eingelaufen. Anders ist es wohl kaum zu erklären, dass zwei Wellensittiche plötzlich nicht mehr hinein passten ...

Stefanie und ich luden den Transportkäfig inklusive der Vögel in ihren Wagen und fuhren zu mir. Den ersten Abend verbrachten die beiden Neuen erst einmal zum Eingewöhnen in meinem Wohnzimmer, welches direkt an das Vogelzimmer grenzt. Als symbolischen Anfang eines neuen Lebens erhielten die beiden Sittiche neue Namen: Puck und Icarus. (Siehe Fotos: ganz oben links Icarus, oben rechts Puck.)

Am nächsten Morgen überlegte ich, ob ich sie einen weiteren Tag im Käfig lassen sollte. Da sie ärztlich durchgecheckt und bereits seit Wochen im Tierheim in ihrem Käfig eingesperrt gewesen waren, beschloss ich, sie sofort zu meinen Wellis zu lassen. Schon als ich den Käfig in das Vogelzimmer trug, fing Puck an, auf die Rufe der anderen Sittiche zu antworten. Sofort nachdem ich das Türchen des Käfigs geöffnet hatte, stürmte er hinaus und flog zu Rhea, Kallisto, Herkules und Umbriel. Icarus wackelte unbeholfen auf der Stange hin und her, stürzte vor lauter Aufregung auf den Käfigboden und schaffte es dann aber doch, den Weg nach draußen zu finden.

Der neue Platz für Icarus Auf dem Boden des Vogelzimmers hatte ich einen Kletterbaum sowie Futter- und Fressnäpfe aufgestellt, damit der flugunfähige Sittich Icarus an seinem zukünftigen Platz bestens versorgt sein würde. Puck gesellte sich bald wieder zu seiner behinderten Freundin, und als ich abends von der Arbeit heim kam, saßen die beiden noch immer dort, wo ich sie schon morgens habe sitzen sehen. Sie wirkten zwar so, als fühlten sie sich wohl, aber ihnen war die neue Umgebung offensichtlich noch ein wenig fremd.

Pucks neuer Gesangspartner Umbriel Drei Tage später bot sich bereits ein gänzlich anderes Bild. Puck, der sonst der behinderten Icarus nie von der Seite gewichen war, saß praktisch gar nicht mehr bei seiner alten Freundin. Er hielt sich ständig bei den anderen Schwarmmitgliedern auf, meist in der Nähe des halb blinden Männchens Umbriel (siehe Foto rechts). Die beiden sangen vier Tage nach der Adoption bereits klangvolle Duette vor dem großen Fressnapf. Man hätte Puck zwar Treulosigkeit vorwerfen können, weil er Icarus fast immer allein auf ihrem niedrigen Kletterbaum sitzen ließ. Verständlich war es jedoch, dass Puck die neu gewonnene Freiheit im Vogelzimmer in vollen Zügen genoss und sich zu den vielen Vögeln gesellte.

Zum Glück blieb auch Icarus nicht lange allein. Nach nur zwei Tagen begann Kiki sich für Icarus zu interessieren (siehe Foto unten links). Kiki, dessen Oberschnabel vor ein paar Jahren bei einem Unfall im Haus seiner Vorbesitzer abgebrochen war, war knapp ein Jahr zuvor zusammen mit seinem Partner Kleiner zu mir gekommen. Die beiden Tiere sollten auf unbestimmte Zeit bei mir bleiben, weil ihre Besitzerin sie vorübergehend nicht selbst pflegen konnte. Leider war Kleiner im März 2000 an einem chronischen Leiden gestorben. Daraufhin schloss sich der damals fast 16-jährige Kiki der zu jener Zeit rund fünf Monate alten Sittichdame Rana an und die zwei turtelten ständig miteinander.

Der freundliche Kiki Mit ihrer grünen Gefiederfarbe schien Icarus den alten Kiki an seinen verstorbenen Freund zu erinnern. Es war auffällig, wie sanft und freundlich Kiki seit ihrer ersten Begegnung mit Icarus umging, obwohl er den neuen Vogel anfangs nicht kannte. Icarus ließ sich die Gesellschaft von Kiki gern gefallen. Eine Woche nach der Adoption der beiden Tierheimvögel waren Kiki und Icarus bereits so eng miteinander befreundet, dass sie einander nicht mehr von der Seite wichen. Rana besuchte die beiden Vögel gelegentlich, aber die junge Sittichfrau von Kiki spielte seit Icarus' Einzug ins Vogelzimmer nur noch eine untergeordnete Rolle im Leben ihres betagten Liebhabers. Eines Abends beobachtete ich Kiki und Icarus dabei, wie sie auf dem Käfigdach lagen und sich dösend aneinander kuschelten. Dabei waren sie so dicht beieinander, dass Kikis linker Flügel über seiner neuen Freundin lag. Man hätte glatt denken können, er habe schützend den Flügel um Icarus gelegt.

Dezember 2000

Nachtrag: Am 23. März 2001 starb Puck nach kurzer, schwerer Krankheit. Die vier Monate, die er bei mir verbracht hat, waren hoffentlich schön für ihn. Einige Monate später folgte Icarus ihrem alten Freund in den Vogelhimmel. Sie starb ganz plötzlich am 30. August 2001.

Dieser Text ist in leicht abgewandelter Form in der Zeitschrift "Tier und Umwelt" erschienen, die der Tierschutzverein Groß-Essen herausgibt, dessen Sitz das Albert-Schweitzer-Tierheim Externer Link, Essen, ist. Zu finden ist mein Artikel in der Ausgabe 01/2002 auf Seite 26.

 
 
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