Birds Online
     
  Home > Erlebnisberichte > Ravis Geschichte: Wenn die Liebe Schicksal spielt
     
 

Ravi, der tapfere VogelmannAnfang Dezember 2008 lief ein Sturm des Entsetzens durch diverse Vogel-Foren, nachdem unter anderem der TV-Sender RTL über den tragischen Fall eines Tiersammlers berichtet hatte. In Berlin hielt ein Frührentner in seiner 62-Quadratmeter-Wohnung rund 500 Wellensittiche und Nymphensittiche, hieß es in einem der ersten Berichte. Ich erfuhr über das Welli.net-Forum Externer Link von der Geschichte, denn zum Fernsehen komme ich aus beruflichen Gründen kaum.

Rasch klickte ich mich abends nach der Arbeit im Internet auf die entsprechende Nachrichten-Seite und schaute mir den Videobeitrag an. Voller Entsetzen sah ich Massen von Tieren auf engstem Raum. Mir war gleich bewusst, dass es in diesem riesigen Schwarm garantiert etliche gehandicapte Vögel geben würde, die nach ihrer Rettung vermittelt werden müssten. Der Verein der Wellensittich-Freunde Deutschland (VWFD) Externer Link hatte sich in der Zwischenzeit mit den entsprechenden Stellen in der Hauptstadt verständigt und seine Hilfe bei der Vermittlung der Tiere zugesagt. Deshalb meldete ich mich im Forum des Vereins Externer Link und sagte zu, zwei Handicap-Vögel aufzunehmen.

* * *

Das blaue Vogelmännchen war agil und lebensfroh, aber viel Platz zum Fliegen hatte es nicht. Überall waren Artgenossen, es war eng und laut. Trotzdem lebte der kleine Kerl fröhlich in den Tag hinein, so gut es ging. Bis irgendwann eine Veränderung auftrat. Es begann vielleicht mit einem leichten Ziehen oder einem Druckgefühl in der linken Gesichtshälfte. Etwa so, als wenn man einen großen Pickel bekommt. Der Vogel rieb seinen Kopf an Ästen, aber das Druckgefühl wollte nicht verschwinden. Mit der Zeit wurde es schlimmer, als sich in seinem Gesicht eine Beule bildete. Die Haut wölbte sich unter den Federn hervor und war prall gespannt, auch sein Auge verschob sich mehr und mehr. Zudem schwand seine Sehfähigkeit auf dem linken Auge, denn das, was dort in seinem Gesicht wucherte, suchte sich gierig und erbarmungslos immer mehr Platz in seinem Schädel. Sogar den Sehnerv umwucherte es, was den Vogel das Augenlicht gekostet haben dürfte.

Ob die Not des blauen Vogels seinem Halter aufgefallen ist? Das ist schwer zu sagen, denn in der Masse ist der arme Sittich vermutlich untergegangen. Und das, obwohl der Mann seinen Tieren ein schönes Leben ermöglichen wollte, ihnen helfen wollte, wie er selbst kurze Zeit später einem TV-Reporter vor laufender Kamera mitteilen würde.

* * *

Plötzlich waren fremde Menschen in der Wohnung. Sie trugen knisternde Anzüge und seltsame Masken vor den Gesichtern. Und sie waren hinter ihm und seinen Artgenossen her! Der blaue Vogelmann konnte nur noch auf der rechten Seite etwas sehen und er versuchte zu fliehen, als die verhüllten Gestalten immer mehr seiner Gefährten einsammelten. Doch dann gab es kein Entkommen mehr, sie hatten ihn erwischt. In einen Käfig wurde er gesperrt, und kurz darauf wurde er zusammen mit einigen anderen kranken und verletzten Artgenossen zu einer Frau gebracht, die sich in den kommenden Wochen um die hilfsbedürftigen Geschöpfe kümmern würde.

* * *

Inzwischen hatte ich erfahren, dass über 1700 Wellensittiche und ein paar Nymphensittiche aus der Wohnung geholt worden waren. Leider traf meine Befürchtung zu: Es gab einige gehandicapte und schwer verletzte Tiere unter den Geretteten. Die schlimmsten Fälle habe man zu einer Berliner Tierschützerin gebracht, erklärte mir ein VWFD-Mitglied. Unter den Tieren seien auch zwei Vögel, die zu mir ziehen sollten. In einer E-Mail fiel der Name dieser Tierschützerin, die sich um die verletzten und gehandicapten Vögel kümmerte - und mir fiel ein Stein vom Herzen. Denn schon seit Jahren ist mir diese Frau von der Wildvogelhilfe her bekannt. Sie ist versiert und kennt sich bestens mit der Vogelpflege aus. Bei ihr, der Betreiberin der Berliner Vogelklappe, wusste ich die Tiere in den allerbesten Händen.

Um zu erfahren, auf welche Handicaps ich mich einzurichten hatte, wollte ich gern mehr von ihr über "meine" beiden Vögel erfahren. Ein junger Wellensittich mit Spreizbeinen war für mich reserviert, und auch ein älteres grünes Weibchen, das eine schlimme Kopfverletzung erlitten hatte, sollte später zu mir ziehen. Höchstwahrscheinlich sei die arme Vogeldame auf dem rechten Auge blind, hieß es.

* * *

Der Druck in seinem Gesicht wurde von Tag zu Tag größer. Dagegen konnte auch die Frau, die sich um ihn und seine kranken Gefährten bemühte, nichts unternehmen. Der zu Rate gezogene Tierarzt sprach von einem Tumor, der nicht operabel sei. Doch das waren Worte, die der blaue Vogelmann nicht verstand. Trotz der Pein in seinem Gesicht war er munter, denn Amors Pfeil hatte ihn getroffen. Unter seinen kranken Artgenossen gab es eine wunderschöne grüne Dame, die vermutlich von irgendwem übel verprügelt worden war und die eine große Narbe am Kopf hatte. Auch ihre Nase und der Schnabel waren lädiert, aber das nahm der blaue Vogel gar nicht wahr. Für ihn zählte nur der von innen strahlende Charme der grünen Henne. Er war bis über beide Ohren in sie verliebt und sie kraulten einander oft und ausdauernd. Dass er ihr einmal sein Leben verdanken würde, konnte er nicht ahnen.

* * *

Am 29. Dezember 2008 schrieb mir die Berliner Tierschützerin und sie erzählte mir von dem blauen Männchen, das sich in "mein" grünes Weibchen verliebt hatte. Ob ich nicht auch ihn aufnehmen könnte, da die beiden immer so schön kuscheln würden. Zumal seine Chancen nicht besonders gut stünden, noch lange zu leben. Er sei sehr krank und müsse wohl in einigen Wochen eingeschläfert werden. Ich sagte sofort zu, denn ich konnte es nicht übers Herz bringen, die beiden frisch Verliebten zu trennen.

* * *

Irgendetwas war heute anders. Der blaue Vogel, seine grüne Freundin und ein junger Wellensittich mit Spreizbeinen wurden eingefangen und in einen Käfig gesetzt. Dieser wurde mit einer dicken Decke verhüllt, danach konnten die drei Tiere nur noch abwarten, was als nächstes geschehen würde, denn nach draußen schauen konnten sie nicht.

Es war der 6. Januar 2009, und die drei Sittiche gingen auf ihre große Reise von Berlin nach Düsseldorf. Am Abend nahm das VWFD-Mitglied Nicole den Transportkäfig von dem Fahrer entgegen und brachte die Tiere das letzte Stück des Weges zu meiner Wohnung. Bei mir angekommen, half sie mir dabei, die Decke zu entfernen. Wir warfen gemeinsam einen ersten Blick auf die drei Vögel. Der Zustand des blauen Vogelmännchens gefiel mir gar nicht, die linke Gesichtshälfte war enorm geschwollen, und irgendwie sah das Ganze für mich nicht nach einem Tumor aus.

* * *

Ravis schlimmes AugeWo sind wir denn hier gelandet, schien sich der blaue Vogelmann zu fragen. "Du heißt jetzt Ravi, mein Kleiner", sagte eine Frau zu ihm, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Seine grüne Freundin, an die er sich kuschelte, nannte sie Aditi. Dem jungen Spreizbein-Kollegen gab sie auch einen Namen, Chandra sollte er fortan heißen. Viel mehr passierte an dem Abend nicht mehr, denn es war schon spät und alle waren müde.

Am nächsten Morgen erwartete den blauen Ravi und seine beiden Freunde eine weitere Überraschung: Sie hatten sich nicht getäuscht, es gab Vögel in diesem Haushalt. Zu den Wellensittichen, deren Stimmen sie am Abend zuvor gehört hatten, durften sie nun ziehen. Denn sie waren in den letzten Wochen von der Berliner Tierschützerin gesund gepflegt worden und mussten nicht mehr in Quarantäne. Es war toll, wieder frei fliegen zu können, auch wenn die Schwellung im Gesicht den armen Ravi sicher störte.

* * *

Kaum war ich von der Arbeit zurück, lief ich am Abend des 7. Januar 2009 ins Vogelzimmer und fing Ravi ein. Er war nicht begeistert, allein in einer winzigen Transportbox zu sitzen, doch es musste sein. Rund 45 Minuten später betrachtete der Vogel-Tierarzt meines Vertrauens die Wucherung in Ravis Gesicht. Es stellte sich heraus, dass es sich um eine Zyste handelte. Sie zu punktieren und die Flüssigkeit abzusaugen, würde nicht viel bringen. Denn höchstwahrscheinlich würde sie sich rasch wieder mit Flüssigkeit füllen. Wieder und wieder müsste Ravis Zyste alle paar Tage punktiert werden, das wäre auf die Dauer eine Qual für den Vogel. So bleiben konnte die Wucherung aber auch nicht, deshalb schlug mein Tierarzt eine Operation vor, um die Zyste zu entfernen. Ich stimmte zu und ließ Ravi in der Klinik, denn bereits am nächsten Morgen sollte der Eingriff stattfinden.

Obwohl ich Ravi kaum kannte und noch keine Beziehung zu ihm aufgebaut hatte, fiel mir eine zentnerschwere Last vom Herzen, als ich am Nachmittag des 8. Januar 2009 am Telefon erfuhr, dass der Vogel den Eingriff überlebt hatte. Noch am selben Abend konnte ich den kleinen Patienten abholen und mit nach Hause nehmen. Leider hatte der Tierarzt das Auge nicht retten können. Der Eingriff muss kompliziert gewesen sein, weil die Zyste sehr tief in den Schädel vorgedrungen war. Aber Ravi war fit und fraß sogar schon wieder.

* * *

Ravi nach der Operation"Was soll das hier eigentlich? Ich höre meine Freunde und bin allein. Und dann dieses klebrige Gefühl im Gesicht - widerlich!" So in etwa muss sich Ravi am 9. Januar gefühlt haben, als er tagsüber in seinem Einzel-Krankenkäfig außerhalb des Vogelzimmers untergebracht war. Was er den ganzen Tag angestellt hat, kann ich nicht sagen. Eines weiß ich jedoch: Er muss seine blutverschmierte Gesichtshälfte im Trinknapf mit dem Traumeel-Wasser eingeweicht haben. Denn als ich abends von der Arbeit heim kam, war sein Gesicht sauber, die Wunde blitzblank gewaschen und im Trinknapf war rote Flüssigkeit, in der ausgerissene Federn schwammen. Geschadet zu haben scheint diese ungewöhnliche "Wundwaschung" nicht, denn die Heilung schritt offenkundig gut voran.

Sobald die Wunde nicht mehr nässt, könnte ich Ravi zu den anderen Vögeln lassen, hatte der Tierarzt gesagt. Drei, vier Tage nach der Operation dürfte das wohl der Fall sein. Doch bereits am 10. Januar 2009 war die Wunde völlig trocken. Und Ravi drehte in seinem Krankenkäfig regelrecht durch. Er tobte dermaßen herum, um einen Ausgang zu finden, dass er sich ein Stück seiner frischen Operationswunde aufriss. Glücklicherweise kam die Blutung rasch zum Erliegen. Ich entschied, dass es in Ravis speziellem Fall besser sei, ihn sofort ins Vogelzimmer zu lassen.

Kaum war er in der Nähe seiner Freunde, entspannte er sich und tobte nicht mehr. Aditi kam angeflogen und begrüßte ihn überschwänglich. Minutenlang kraulte sie den Kopf ihres Gefährten, ohne dabei die Wunde zu berühren. Ravi zerfloss unter ihren Zärtlichkeiten förmlich vor Wonne. Kurz darauf genehmigte er sich ein ausgiebiges Staudensellerie-Mahl, zwischendurch gab es dann auch noch ein bisschen Keimfutter. Für ihn schien die Welt in Ordnung, obwohl es gerade erst zwei Tage her war, dass er einen schweren Eingriff am Kopf hatte überstehen müssen.

Ravi kurz nach seinem Einzug ins Vogelzimmer

* * *

In den folgenden Tagen verheilte Ravis Wunde ohne Komplikationen. Er genoss während dieser Zeit die Gesellschaft seiner 18 Artgenossen (17 davon gehören zum Birds-Online-Schwarm und der Senior Peter ist ein 19-jähriger Dauerpflegegast). Auch mit den vier Katharinasittichen hat er sich auf Anhieb arrangiert. Sehr schnell hat Ravi herausgefunden, wo seine Lieblingsplätze sind (hoch oben, damit er mit seinem einen Auge alles gut überblicken kann) und wo das Futter zu finden ist (ganz unten auf dem Boden, damit die flugunfähigen Wellensittiche es problemlos erreichen können). Seiner großen heilenden Wunde zum Trotz hat Ravi schon wenige Tage nach dem Eingriff lauthals seine Lebensfreude in die Welt gesungen. Hin und wieder schmust er mit seiner Gefährtin Aditi, aber erstaunlicherweise hat er auch ein Auge auf andere Hennen geworfen. Ein kleiner heimlicher Testflirt hier und da - das scheint ganz nach seinem Geschmack zu sein.

Aditi und ihr neuer Freund ChandraZwei Wochen nach der Operation sah sein Liebesleben völlig anders aus. Ich fragte mich, ob tatsächlich das Schicksal eingegriffen hatte, um mir Ravi mit Hilfe des grünen Weibchens zuzuspielen … Denn Aditis Zuneigung zu Ravi war es, die mich dazu gebracht hat, der Adoption eines dritten Vogels zuzustimmen. Kaum war Ravi nach der schweren Operation aus dem Gröbsten heraus, hat sie die Beziehung beendet. Ich staunte nicht schlecht, als ich sah, dass sie plötzlich mit Chandra, dem anderen Spandau-Welli, liiert war. Der Frohnatur Ravi schien das nichts auszumachen. Vielleicht ahnte der kleine Kerl ja irgendwie, dass er seiner Ex-Freundin vielleicht sein Leben zu verdanken hat. Denn wer weiß, was aus dem schönen blauen Vogelmann geworden wäre, wenn er nicht rasch in die Hände meines sehr erfahrenen Tierarztes gelangt wäre?

Für mich bleibt nun zu hoffen, dass sich in Zukunft keine neue Zyste bilden wird und Ravi ein langes sorgenfreies Leben führen kann. Seine Behinderung ist gravierend und in freier Wildbahn würde er als einäugiger Vogel nicht lang überleben. Doch Ravi hat Glück, dass er ein Ziervogel ist und in einer behüteten Umgebung leben darf, in der ihm kein Fressfeind nachstellt. Deshalb bin ich guter Dinge, denn der tapfere blaue Vogelmann meistert sein Handicap problemlos. Und ich bin mir sicher, dass er irgendwann auch wieder eine neue Freundin haben wird. Milla und Fralie scheint er sehr nett zu finden. Natürlich wünsche ich auch Aditi und Chandra, den beiden anderen Wellis aus der Hauptstadt, dass sie ihre Liebe und das Leben in meinem Vogelschwarm noch lange genießen können.

Gaby Schulemann-Maier (14. Februar 2009)

Hier geht es zur Homepage von Ravi, auch Aditi und Chandra haben eigene Seiten.

Danksagung
Der kleine Charmeur Ravi würde vermutlich längst nicht mehr leben, wenn nicht einige Menschen aktiv dazu beigetragen hätten, ihn zu retten. Zunächst einmal gilt mein Dank den VWFD-Mitgliedern, die in der Berliner Wohnung auf Wellensittich-Jagd gegangen sind und neben Ravi und seinen Freunden unzählige weitere Vögel eingefangen haben. Der Berliner Vogelschützerin Almut Malone bin ich sehr dankbar dafür, dass sie sich so intensiv um die schwer verletzten und kranken Vögel aus der Gruppe gekümmert hat, darunter auch meine drei "Berliner". Nicole, danke, dass Du die Vögel auf dem letzten Stück des Weges sicher chauffiert hast. Und dass Du mir dabei geholfen hast, die "hunderttausend" Sicherheitsnadeln zu öffnen, die die wärmende Decke um den Transportkäfig festgehalten haben. ;-)

Mein ganz besonderer Dank gilt Dr. Jens Straub. Die Operation war sicher nicht leicht, und doch ist es ihm gelungen, Ravi von seiner schrecklichen Zyste zu befreien. Ohne seine ruhige Hand und sein Können wäre Ravis Ende vermutlich besiegelt gewesen.

 
 
Sämtliche Inhalte und Abbildungen auf dieser Seite sind urheberrechtlich geschützt. Bilder-, Video-, Tondatei- und Textdiebstahl werden rechtlich verfolgt.