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  Home > Erlebnisberichte > Dem Hungertod knapp entkommen - Rohannas Geschichte
     
  Rohanna in meiner Hand Manchmal fügen sich die Dinge im Leben so, dass sich aus (anscheinenden?) Zufällen plötzlich ein Bild ergibt, das so manchen Zeitgenossen an Vorbestimmung denken lässt. Ob man daran glaubt oder nicht, sei einmal dahingestellt. Rohannas Geschichte lässt den Gedanken an eine günstige Fügung des Schicksals jedoch unwillkürlich aufkommen.

Alles begann damit, dass sie etwa am 10. April 2006 aus ihrem Ei schlüpfte und in den folgenden Wochen von ihren Eltern großgezogen wurde. Die Welt war für sie in Ordnung, bis der Züchter, bei dem sie mit ihrer Familie damals gelebt hat, sie eines Tages von ihren Eltern trennte und in einen Zoofachmarkt brachte, weil sie dort verkauft werden sollte. Leider hat er den jungen Wellensittich offenbar nicht aufmerksam genug beobachtet, denn sonst wäre dem Züchter sicher aufgefallen, dass der Vogel noch nicht futterfest war. So nahm das Unglück also seinen Lauf.

Nagender Hunger
Im Zooladen angekommen, verlor der junge Wellensittich immer mehr an Kraft, denn er war noch nicht dazu in der Lage, die harten Körnchen der Samenmischung zu knacken, die in den Futternäpfen bereitstanden. Seine Eltern waren nicht in der Nähe und es war auch sonst niemand da, der das junge Tier fütterte. Auf sich gestellt, konnte es nichts essen, obwohl rundherum genügend Futter vorhanden war. In seiner Verzweiflung muss das Weibchen sehr viel getrunken haben, um den nagenden Hunger zu besiegen. Aber der Hunger war stärker und zerrte erbarmungslos an dem kleinen Körper.

Verschmierte Kloakengegend Ohne Nahrung verlor der Vogel rapide an Gewicht. Die Kräfte schwanden erschreckend schnell und der junge Wellensittich war bald nur noch ein Häufchen Elend, kaum dazu in der Lage, seinen Kopf zu heben. Außerdem war das Gefieder rund um die Kloake verschmiert, weil das viele Wasser, das der Vogel gegen den Hunger getrunken und später natürlich wieder ausgeschieden hatte, dort das Gefieder durchnässt hatte.

Wie es der Zufall wollte ...
Als ich in den Zooladen ging, um für zwei Katharinasittiche aus sehr schlechter Haltung, die am darauffolgenden Wochenende bei mir einziehen sollten, eine Nager-Weidenbrücke zu kaufen, aus der ich eine neue Schlafröhre für sie basteln wollte, hatte ich nur wenig Zeit. Weil ich daheim freiberuflich arbeite und viel zu tun hatte, wollte ich eigentlich so schnell wie möglich wieder zurück nach Hause an den PC. Für gewöhnlich gehe ich ohnehin nicht in Zooläden, weil ich fast alles, was ich für meine Vögel benötige, online bestelle. An jenem 18. Mai 2006 aber hielt ich mich in genau diesem Zooladen auf, in dem der junge Wellensittich beinahe verhungert wäre. Als ich schon fast auf dem Weg zur Kasse war, streifte mein Blick zufällig das erschöpfte Bündel aus Haut, Knochen und Federn und ich wusste sofort, dass ich helfen musste.

Rohanna ist erschöpft Nach meinem eindringlichen Gespräch mit dem Personal gelangte das junge Wellensittichweibchen in meine Obhut und ich fuhr sofort zum Tierarzt, um meinen kleine Patientin untersuchen zu lassen. Zwar war mir bereits von vorne herein bewusst, dass ich es mit einem halb verhungerten, noch nicht futterfesten Jungtier zu tun hatte, denn ich kannte diese Situation von meinem leider verstorbenen Vogel Serenio. Sein Schicksal glich dem des jungen Weibchens, allerdings hatte er die lange Hungerphase leider mit dem Leben bezahlt, ich habe ihn nicht retten können.

Aber dieses Mal sollte es klappen, der kleine Vogel aus dem Zooladen sollte nicht auch einen derart sinnlosen Tod sterben müssen, weil sein Züchter unaufmerksam war und ihn zu früh von seinen Eltern getrennt hatte. Das hoffte ich von ganzem Herzen und ich wollte alles daran setzen, dem Wellensittich so gut wie möglich zu helfen. Deshalb wollte ich auf Nummer sicher gehen und eine Darm- oder Kropfinfektion ausschließen, denn diese hätte den Sittich in seinem damaligen Zustand binnen kürzester Zeit getötet. Glücklicherweise war meine junge Patientin abgesehen von ihrem beängstigend niedrigen Gewicht von nur 26 Gramm ansonsten gesund.

Endlich Futter
Futterspritze mit Kropfsonde Zuhause angekommen, rührte ich Handaufzuchtsbrei an, mischte Bird Bene-bac darunter, gab Traubenzucker hinzu, ein wenig zerdrückte Banane, und dann füllte ich das Gemisch in eine Spritze. Fürs Erste wollte ich dem Vogel fünf Milliliter Futterbrei eingeben, allerdings nicht auf dem umständlichen und für ihn Kräfte zehrenden Wege der Fütterung per Löffel. Ich entschied mich für eine Zwangsernährung per Kropfsonde. Diese ist zwar alles andere als angenehm für einen Wellensittich, weil ihm die Spezial-Kanüle durch den Rachen bis in den Kropf geschoben wird, während man ihn mit der Hand eisern fixiert, damit er nicht zappeln und sich so schlimmstenfalls innerlich an der Kanüle verletzt. Glücklicherweise hatte mir vor einigen Jahren ein vogelkundiger Tierarzt gezeigt, wie man Vögel per Kropfsonde ernährt, ohne sie dabei in Lebensgefahr zu bringen. Eine falsche Bewegung, und man trifft die Luftröhre - der Vogel erstickt dann qualvoll.

Als ich den etwa 38 Grad Celsius warmen Brei in den Kropf laufen ließ, erschrak der Vogel erst einmal, gewöhnte sich aber schnell an das Gefühl, das der Brei im Kropf verursachte. Nach weniger als einer Minute war die Spritze leer und der Kropf des Wellensittichs einigermaßen gut gefüllt.

Nach der Fütterung entließ ich Rohanna - so hatte ich die junge Vogeldame inzwischen genannt - in ihren Krankenkäfig und gönnte ihr einige Stunden Ruhe, die sie schlafend auf dem Boden verbrachte. Noch fehlte ihr die Kraft, um länger als einige Sekunden auf den Stangen sitzen zu können, aber das änderte sich zum Glück bald. Bereits am nächsten Tag war sie durch die regelmäßige Fütterung mit dem gehaltvollen Brei, dem ich abwechselnd Obst und zerdrücktes, hart gekochtes Eigelb beimischte, so kräftig geworden, dass sie 1,5 Gramm zugenommen hatte und sogar auf die Sitzstangen klettern konnte und nicht gleich wieder von dort herunter fiel.

Erste eigene Mahlzeiten
Rohanna Einen weiteren Tag später begann die junge Dame damit, das im Käfig ausgelegte Futter zu inspizieren. Erst nahm sie ein paar Knaulgrassamen in den Schnabel, damit wusste sie aber noch nichts anzufangen. Danach begutachtete sie die rote Kolbenhirse, die ihr jedoch ebenfalls nicht zusagte. Das Quellfutter war da schon besser. Sie mühte sich sichtlich ab, aber es gelang ihr, innerhalb von etwa zehn Minuten immerhin fünf oder sechs Körnchen zu öffnen - der erste Schritt zur Selbstständigkeit war getan. Sie würde noch kräftig üben müssen, aber weil sie zusätzlich nach wie vor mit Handaufzuchtsbrei per Kropfsonde ernährt wurde, würde sie auf keinen Fall verhungern.

Keim- und Quellfutter waren in den nächsten Tagen ihre Lieblingskost. Diese aufgeweichten Körnchen konnte sogar sie als ungeübte "Knackerin" öffnen. Anfangs dauerte es noch lange, bis ein Körnchen endlich in ihren Kropf wandern konnte, weil sie nicht besonders geschickt darin war, die Schale zu lösen. Ihre Beharrlichkeit zahlte sich aber aus, sodass ihr Kropf meist nach einiger Zeit gut gefüllt war. Rohanna war auf dem allerbesten Weg, ein selbstständiges Vogelmädchen zu werden.

Einzug ins Vogelzimmer
Rohanna im Vogelzimmer "Hilfe, ein Gespenst!" - Das in etwa müssen die Gedanken der anderen Wellensittiche gewesen sein, als sie Rohanna endlich zu Gesicht bekommen haben. Ihre mit dünnem Jungvogel-Stimmchen vorgetragenen Rufe aus dem Nachbarzimmer hatten sie an den Tagen zuvor immer eifrig beantwortet. Die hellgraue Färbung des Vogels und das nahezu unsichtbare Wellenmuster jagten den werten Herrschaften anfangs aber ein wenig Angst ein. Es entbehrte nicht einer gewissen Komik, diese vielen "gestandenen Sittiche" panisch vor einem zierlichen und tapsigen Jungvogel fliehen zu sehen, weil ihnen dessen Gefiederfarbe nicht geheuer war.

Zum Glück gewöhnten sie sich rasch an den "gespenstischen" Neuzugang und beäugten Rohanna danach ausgiebig. Sara verhielt sich ihr gegenüber sehr aufdringlich und fast schon rabiat, wie es für diese unverfrorene Henne typisch ist. Alles Neue wird erst einmal mit dem Schnabel begutachtet. Dass Rohanna diese Bisse in die Flügel nicht lustig fand, ist nur allzu verständlich ...

Nik, der Charmeur vom Dienst, ließ die junge Dame nicht aus den Augen, traute sich aber zu Beginn nicht näher an sie heran. Vermutlich konnte er nicht einschätzen, mit wem er es zu tun hatte. Er schien nicht so recht zu wissen, was er mit dem Neuzugang anfangen konnte, denn Rohannas Nase wies noch die typisch hellblaue Färbung auf, die die Wachshaut eines noch nicht geschlechtsreifen Weibchens normalerweise zeigt.

Weil Nik jedes Weibchen "beflirtet", dem er im Vogelzimmer begegnet, dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Rohanna seine volle Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird. Spätestens dann, wenn sie im Alter von rund sechs Monaten die Geschlechtsreife erreichen wird, dürfte sie für Nik und die anderen Hähne attraktiv werden. Sicher wird sie bis dahin noch viele Abenteuer erleben, wenn sie das Glück hat, zu einem erwachsenen Wellensittich heranwachsen zu dürfen. Leider kommt es nämlich recht häufig vor, dass Vögel, die in ihrer frühen Jugend eine lange Hungerperiode überstehen mussten, einen Organschaden davon tragen und innerhalb weniger Monate sterben.

Es wäre schön, wenn Rohanna nicht zu den Unglücklichen gehören würde und ein langes Leben im Vogelzimmer genießen könnte. Das ist mein sehnlichster Wunsch für dieses zarte und zerbrechliche Geschöpf, dessen Leben tagelang buchstäblich in meinen Händen lag. Eine solche Erfahrung verbindet ungemein. Ich hoffe, diese hübsche Vogeldame auch in vielen Jahren noch fröhlich durch die Luft sausen sehen zu können.

Mai 2006

 
 
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