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  Home > Erlebnisberichte > Liebe bis in den Tod: Die Geschichte von Sirius und Kallisto
     
 

Das Liebesleben meiner Wellensittiche mutet oft so an, als würden sich die Tiere nach einem Drehbuch einer packenden Seifenoper verhalten. Heftige Flirts, dramatische Eifersuchtsszenen sowie zärtliche Versöhnungen sind in meinem Vogelschwarm an der Tagesordnung, obwohl in vielen Fachbüchern geschrieben steht, dass Wellensittiche in treuer, lebenslanger Einehe leben. Aufgrund ihres flatterhaften Verhaltens in Liebesdingen habe ich die Macht der Liebe und Treue bei Sirius und Kallisto zu deren Lebzeiten vollkommen unterschätzt. Wie schön und gleichzeitig zerstörerisch tiefe Zuneigung unter Wellensittichen sein kann, führte mir ihr tragisches Schicksal schmerzhaft vor Augen.

Sirius als Jungtier Sirius lebte seit ihrer Geburt im Dezember 1996 bei mir. Sie war mein absoluter Lieblingsvogel, da sie nicht nur außerordentlich charmant, anhänglich und charakterstark war. Hinzu kam ein hohes Maß an Intelligenz, das ich bislang bei keinem anderen Wellensittich beobachtet habe.

Kallisto im Profil Etwa zwei Jahre nach Sirius' Geburt zog der damals noch sehr junge Vogelmann Kallisto in mein Sittichzimmer ein. Er umwarb Sirius hartnäckig, aber so recht interessierte sie sich nicht für ihn. Da er jedoch nicht aufgab, gelang es ihm im Herbst 1999 endlich, das Herz seiner Angebeteten zu erobern. Nach kurzer Zeit in dieser "Ehe" war Sirius kaum mehr wieder zu erkennen. Sie wurde praktisch zu Kallistos Schatten und wich ihm keine Sekunde von der Seite, obwohl sie zuvor stets ein freiheitsliebendes Weibchen gewesen war.

Nach einigen Wochen intensiver Balz begannen die beiden damit, eine Familie zu gründen, was ich allerdings damals alles andere als passend fand. Ich wollte keine Nestlinge, da mir ein Brutversuch meiner Sittiche zeitlich nicht in den Kram passte. Also sterilisierte ich das Gelege meiner lieben Sirius. Alle Eier trockneten ein, das dachte ich zumindest. Wie sehr ich mit dieser Annahme falsch lag, beschreibt mein Erlebnisbericht "Sorgenküken Rana".

Sirius füttert Rana Während Sirius pflichtbewusst rund einen Monat ihr großes Gelege wärmte, tat Kallisto etwas, mit dem ich damals nicht gerechnet hatte: er brannte mit der schüchternen Wega durch. Nach der Aufzucht ihres Nachwuchses kehrte Sirius wieder ins Vogelzimmer zurück und ihr Exmann stellte sie vor vollendete Tatsachen, er war fest mit Wega verpaart.

Wega, der Scheidungsgrund In den folgenden zwei Jahren blieb dies weitestgehend so. Allerdings machte Kallisto alle paar Tage der hübschen Sirius schöne Augen und flirtete heftig mit ihr - vor allem, wenn Wega (siehe Foto links) gerade schlief oder mit anderen Dingen beschäftigt war. So ganz konnte und wollte Kallisto offenbar doch nicht von Sirius lassen. Ich hielt ihn für einen Casanova, wie er im Buche steht und traute ihm "aufrichtige" Gefühle daher nicht zu.

Sirius und Kallisto Anfang Dezember 2001 wandte sich das Blatt plötzlich grundlegend. Von jetzt auf gleich hatte Kallisto nur noch Augen für Sirius, er ließ Wega fallen wie eine heiße Kartoffel und die geprellte Vogeldame verstand die Welt nicht mehr. Sirius, die sich im Sommer 2001 mit Umbriel sehr eng angefreundet hatte, gab ihrem betagten Gefährten zu Gunsten von Kallisto kurzerhand den Laufpass. Das alte neue Paar war überaus glücklich miteinander und wieder schritten Sirius und Kallisto relativ schnell zur Familiengründung. Auch dieses Mal wollte ich es eigentlich nicht, hatte aber beschlossen, ein Jungtier von Sirius großziehen zu lassen, da sie mein Lieblingsvogel war und ich es als ein Geschenk von ihr betrachtete, wenn sie mir ein liebes Jungtier anvertrauen würde, wie sie es zwei Jahre zuvor mit ihrer Tochter Rana bereits getan hatte.

Sirius in voller Schönheit Leider kamen die Dinge anders und was geschah, zerriss mir das Herz. An Heiligabend spürte ich im Bauch meiner lieben Sirius ein Ei und sie war fit wie eh und je, sodass kein Grund zur Sorge bestand. Ich ging davon aus, dass sie es ohne Probleme in der kommenden Nacht ablegen würde. Einen Tag später bot sich mir ein Bild des Grauens. Sirius wirkte matt und hatte große Schmerzen. Das Ei hing halb aus ihr heraus, aber es kam nicht gänzlich hervor, auch nicht, als ich ihr vorsichtig den Bauch massierte. Etwas stimmte ganz und gar nicht, meine kleine Freundin befand sich in schlimmster Not.

Eilig fuhren mein damaliger Lebensgefährte und ich die gefiederte Patientin in die Tierklinik, wo sie innerhalb weniger Minuten auf dem OP-Tisch lag. Wie sich bei dem Eingriff herausstellte, hatten sich in ihrem Bauch zwei Eier gleichzeitig gebildet und ineinander verkeilt - eine üble Laune der Natur. Nach der Operation war Sirius so erschöpft, dass sie frierend in meiner Hand lag. Den ganzen Heimweg über lag sie dort und ließ sich von mir kraulen. Zu Hause angekommen, verschlechterte sich ihr Zustand rapide. Ständig musste sie sich übergeben, da sie das Narkosemittel nicht vertragen hatte. Gut zwei Stunden nach der Operation wurde mir endgültig klar, dass ihr Ende nah und nicht mehr abwendbar war. Ich konnte meiner geliebten Vogeldame nur noch beim Sterben beistehen, indem ich sie wärmte, so gut es ging. Den Rest des Tages saß ich betäubt von Schmerz und Trauer in meinem Wohnzimmer und konnte es nicht fassen, dass meine über alles geliebte Vogeldame so früh von uns gegangen war. Damit war das Drama jedoch noch nicht zu Ende.

Der schöne Kallisto Kallisto hatte sehr deutlich mitbekommen, was vorgefallen war. Als Sirius starb, war er dabei und schrie verzweifelt, denn er war kein dummer Vogelmann. Bereits am nächsten Tag stellte ich fest, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Er war traurig und der Glanz war aus seinen Augen verschwunden. Bei näherem Hinsehen stellte ich darüber hinaus fest, dass Kallisto nicht fressen wollte. Die Situation spitzte sich mehr und mehr zu. In den folgenden Tagen magerte er ab, wurde immer schwächer und selbst der sofort zu Rate gezogene Tierarzt konnte nicht helfen. Durch die Trauer und den psychischen Stress war Kallistos Immunsystem überlastet. Er bekam eine schwere Kropfentzündung und sah aus wie ein Häufchen Elend. Zusehends verfiel der einst stolze Vogelmann, aber er kämpfte nicht um sein Leben. Mir kam es so vor, als hätte es durch den Tod seiner geliebten Frau jeden Sinn für ihn verloren.

Am Morgen des 31.12.2001 konnte Kallisto kaum noch seinen Kopf aus eigener Kraft heben, so schwach war er inzwischen geworden. In meiner Hand liegend, starb er am späten Vormittag. Ich hätte schreien können vor Schmerz und Kummer. Nichts hatte den armen Vogelmann von seiner Selbstzerstörung abhalten können. Und ich habe seine tiefen Gefühle für Sirius vollkommen unterschätzt, als ich ihn zu Lebzeiten in die "Casanova-Schublade" gesteckt hatte.

Rana Mein Lebensgefährte und ich setzten Kallisto neben seiner geliebten Frau Sirius bei, denn das war ganz sicher der Ort, wo er sein wollte. Eines der beiden Eier, die der Tierarzt bei der Operation aus Sirius' Bauch geholt hatte, war intakt geblieben und ich hatte es der ebenfalls brütenden Paula untergelegt. Kurz nach Kallistos Tod ging es in Paulas Nistkasten durch einen dummen Zufall zu Bruch, wobei ich feststellte, dass es befruchtet gewesen war. Innerhalb weniger Tage wurde die gesamte Familie ausgelöscht, also auch das ungeborene Kind. Einzig die zu dem Zeitpunkt zwei Jahre alte Tochter Rana blieb mir erhalten (siehe Abbildung rechts). Sie hat oft den Blick ihrer Mutter Sirius und ihr Gefieder erinnert mich sehr an Kallisto. Ich bin froh, dass mir wenigstens Rana geblieben ist.

März 2002

 
 
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