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Achtung: Das Lesen dieses Birds-Online-Kapitels sollte niemals den Gang zum Tierarzt ersetzen!

Schwer kranker VogelLeidet ein Vogel an einer Infektion, benötigt er möglichst rasch ein wirksames Medikament. Mitunter ist es für den Tierarzt jedoch nicht ohne eine detaillierte Untersuchung möglich, sich für einen passenden Wirkstoff zu entscheiden, denn die Bandbreite der als Ursache in Frage kommenden Krankheitserreger ist weit gefächert. So können beispielsweise Infektionen des Kropfes durch viele unterschiedliche Erreger ausgelöst werden, unter ihnen Pilze, Bakterien oder die zu den Parasiten gehörenden Trichomonaden.

Je nachdem, welcher Gruppe von Organismen die im jeweiligen Einzelfall vorliegenden Erreger zuzurechnen sind, muss ein spezielles Medikament zum Einsatz kommen. Es ist also meist nicht zielführend, einfach auf Verdacht irgendein Antibiotikum zu verabreichen. Gegen Pilze und Trichomonaden wäre es machtlos, denn Antibiotika sind auf die Bekämpfung von Bakterien zugeschnitten.

Doch der Sachverhalt ist noch komplizierter. Innerhalb der Gruppe der Bakterien gibt es erhebliche Unterschiede in Bezug auf die Empfindlichkeit der einzelnen Krankheitserreger gegenüber bestimmten Antibiotika bestehen. Manche Bakterien sind sogar gegen bestimmte Medikamente völlig immun beziehungsweise resistent, sodass der Tierarzt dem erkrankten Vogel mit solchen Präparaten nicht helfen könnte. Bei Pilzen gilt ebenfalls, dass sie möglichst genau identifiziert werden sollten, um für die Therapie ein schlagkräftiges Medikament auswählen zu können. Somit ist es im Fall einer Infektion häufig sehr wichtig, dass eine genaue Untersuchung bei einem speziellen Labor in Auftrag gegeben wird, um erstens den tatsächlich vorliegenden Erregerstamm und zweitens wirksame Medikamente bestimmen zu lassen.

Vom Abstrich zur Erregerkultur
Damit ein Labor diese Aufgaben erfüllen kann, benötigt es zunächst einmal eine frische Probe, die die Krankheitserreger enthält. Um an eine solche Probe zu gelangen, nimmt der behandelnde Tierarzt einen Abstrich im erkrankten Bereich des Vogels, also beispielsweise aus dem Rachen, dem Kropf, dem Darm (durch die Kloake) oder von einer entzündeten Hautstelle. Hierfür wird ein steriler Tupfer, der ähnlich wie ein Wattestäbchen aussieht und lediglich ein wenig schmaler als dieses ist, an der jeweiligen Körperregion gerieben. Der Tupfer wird anschließend in ein luftdicht verschließbares Röhrchen gegeben und auf dem schnellsten Wege an ein Labor geschickt. Dort wird der Abstrich auf einen Nährboden gegeben, indem der Tupfer über diesen gestrichen wird. So übertragen sich die Krankheitserreger auf den Nährboden, auf dem sie sich anschließend vermehren.

Kropftupfer

Das Heranzüchten einer Erregerkultur nimmt in aller Regel einige Stunden bis Tage in Anspruch, mitunter sogar bis zu zwei Wochen. Sind die Kulturen zu einer ausreichenden Größe herangewachsen, werden sie analysiert und aufgeteilt. Manchmal ist dieser Schritt nicht nötig, weil aus der ursprünglichen Probe mehrere Kulturen gewonnen werden konnten. Durch die Analyse kann im Labor festgestellt werden, um welchen Erregerstamm es sich handelt. Damit ist nun schon die Hälfte dessen, was in Erfahrung gebracht werden sollte, bekannt.

Das Antibiogramm und das Antimykogramm
Das Teilen der Kultur dient dazu, auch die zweite Frage zu klären: Welches Medikament ist besonders wirksam? Nach dem Teilen werden die einzelnen Kulturen deshalb jeweils mit unterschiedlichen Medikamenten vermischt und anschließend sich selbst überlassen. Nach einer gewissen Zeitspanne - diese kann je nach Erregerstamm mehrere Stunden oder auch Tage lang sein - wird untersucht, wie die Krankheitserreger der einzelnen Kulturen auf die verschiedenen Medikamente reagiert haben. Hierdurch zeigt sich, welches Medikament besonders wirksam ist und die Erreger zuverlässig abtötet. Einem erkrankten Vogel kann mit diesem Wissen gezielt geholfen werden.

Man spricht bei dieser Untersuchungsmethode von der Erstellung eines Antibiogramms, wenn man untersucht, wie Bakterien auf verschiedene Medikamente reagieren. Wird hingegen untersucht, wie Pilze auf unterschiedliche Medikamente reagieren, spricht man von der Erstellung eines Antimykogramms.

Nur spezialisierte Labore können solche Antibiogramme oder Antimykogramme anfertigen. Je nachdem, wie umfangreich diese Tests sind, fallen die Kosten unterschiedlich hoch aus. Normalerweise muss man mit Preisen von mindestens 30 bis 35 Euro* rechnen, aber auch 50 Euro* und mehr sind möglich. Zugegeben, das ist viel Geld, aber man sollte unbedingt bedenken, dass nur die Erstellung eines Antibiogramms oder Antimykogramms einem schwer erkrankten Vogel das Leben retten kann!

Hilfreich sind Antibiogramme und Antimykogramme bei Infektionskrankheiten, die während einer Therapie mit einem Standardmedikament nicht abgeheilt sind. Meist ist Eile geboten, weil diese spezielle Untersuchung in Einzelfällen recht viel Zeit in Anspruch nehmen kann. Erkrankungen der Verdauungsorgane, also etwa Infektionen des Kropfes oder schwere Durchfälle infolge von Darmentzündungen schwächen die betroffenen Vögel aber enorm und können sie schnell dahinraffen. Deshalb sollte man gemeinsam mit dem Tierarzt nach zwei, spätestens aber drei Therapietagen die Entscheidung darüber treffen, ob eine weiterführende Laboruntersuchung sinnvoll und notwendig ist oder nicht. Wurde zuvor bereits ein Antibiotikum oder Anti-Pilzmittel (Antimykotikum) verabreicht, sind die Testergebnisse allerdings ein wenig verfälscht, aber mitunter kann eine weiterführende Untersuchung dennoch sinnvoll sein. 

Immunität gegen Medikamente
Immer wieder liest man zum Beispiel in Internet-Foren Sätze wie: "Ich verstehe nicht, weshalb mein Vogel immun gegen dieses Antibiotikum ist, er hat es doch noch nie zuvor bekommen." In dieser Aussage liegt ein Missverständnis, das leider sehr weit verbreitet ist: Es sind nicht die Vögel, die gegen ein Medikament immun werden, sondern die Krankheitserreger werden gegen die Medikamente immun! Es spielt also in Wahrheit keine Rolle, ob ein Vogel ein bestimmtes Medikament bereits erhalten hat oder nicht.

Um zu verstehen, wie es zu einer sogenannten Resistenz in Bezug auf ein Medikament kommen kann, betrachten wir nun ein fiktives Fallbeispiel: Der Bakterienstamm A reagiert sehr empfindlich auf ein bestimmtes Antibiotikum, das an dieser Stelle ganz allgemein "AB 1" genannt werden soll. Nun wird AB 1 von einem Tierarzt verordnet und von einem Vogelhalter eingesetzt. Weil der erkrankte Vogel schnell wieder gesund geworden zu sein scheint, setzt der Tierhalter das Medikament früher ab, als es der Arzt angeordnet hat. Schließlich schaden Antibiotika ja, wenn man sie zu lange einsetzt, das hört man doch immer wieder! Also verkürzt der Tierhalter die Behandlungsdauer eigenmächtig von beispielsweise sieben auf fünf Tage - und ebnet dadurch ohne es zu wollen der Entstehung von Resistenzen den Weg.

Im Körper des Vogels sind in unserem Beispiel keineswegs alle Bakterien des Stamms A durch das Antibiotikum getötet worden. Einige Bakterien waren besonders kräftig, sie haben länger überlebt als ihre Artgenossen. Zwar sind sie ein wenig geschwächt worden, weshalb sich der Vogel erholt zu haben scheint. Aber sie haben die "Angriffe" von AB 1 trotzdem lebend überstanden. Indem sich die verbliebenen, besonders starken Bakterien vermehren, geben sie ihre Gene weiter an die nächste Generation, die ebenfalls kräftig ist und einen "Angriff" von AB 1 überleben könnte. Bei dem Vogel flammt die Erkrankung nach einiger Zeit erneut auf, man spricht hierbei von einem Rückfall.

Nun setzt der Tierarzt ohne von der zu früh beendeten Therapie etwas zu ahnen wieder dasselbe Medikament, nämlich AB 1, ein. Aber wie wir wissen, hat sich der Bakterienstamm A inzwischen weiterentwickelt. Die Nachfahren der überlebenden Bakterien haben von dem Medikament nichts zu befürchten, sie haben von ihrer Vorgängergeneration alle Eigenschaften geerbt, die sie besonders widerstandsfähig gegen das eingesetzte Präparat AB 1 machen. Das heißt: Dieser und den darauf folgenden Generationen von Bakterienstamm A kann das Medikament AB 1 nie mehr schaden.

Obwohl der Vogelhalter das Medikament beim zweiten Behandlungsversuch gemäß der Anordnung des Tierarztes einsetzt, wird der Vogel nicht gesund und wichtige Zeit geht verloren, denn die Bakterien schwächen das erkrankte Tier von Tag zu Tag mehr. Im schlimmsten Fall stirbt der Vogel trotz der Therapie - und nicht selten schimpfen die Tierhalter dann auf den behandelnden Tierarzt, den allerdings genau genommen keine Schuld trifft.

In der Zwischenzeit haben sich die Bakterien während der erneuten Therapie mit AB 1 sehr stark verändert und es hat eine so gravierende Mutation stattgefunden, dass man von einem neuen "Stamm" sprechen kann, der ab sofort Bakterienstamm B genannt wird. Bakterienstamm B ist wie bereits erwähnt völlig immun gegen AB 1. Gelangen nun Bakterien des Stammes B in den Körper eines anderen Vogels, erkrankt dieser und wird vom Tierarzt, der nichts Böses ahnt, mit dem Standardmittel AB 1 behandelt.

Der Zustand des Vogels bessert sich nicht, also wählt der Tierarzt ein anderes Präparat, das wir hier AB 2 nennen. Es wirkt und leider setzt auch der Besitzer des zweiten Vogels das Medikament eigenmächtig zu früh ab. Er begeht also bedauerlicherweise denselben Fehler wie der erste Tierhalter. Und wieder wird ein Bakterienstamm immun gegen ein Antibiotikum, entwickelt sich weiter und erlangt eine stärkere Überlebensfähigkeit. Am Ende liegt Bakterienstamm C vor, der gegen AB 1 und AB 2 immun ist.

Ganz so schnell entwickeln sich Resistenzen zwar in aller Regel nicht, aber das Beispiel verdeutlicht das Prinzip. Tatsächlich ist dieses Phänomen nicht nur aus der Tiermedizin, sondern vor allem aus der Humanmedizin bekannt. In diesem Zusammenhang seien die kaum zu behandelnden multiresistenten Erreger genannt, mit denen sich immer mehr Menschen in Krankenhäusern infizieren und daran sterben.

Unser Fallbeispiel zeigt auch, wie wichtig es ist, ein Antibiogramm oder Antimykogramm zu erstellen. Denn nur so können Tierarzt und Tierhalter in Erfahrung bringen, welches Medikament im Einzelfall tatsächlich (noch) wirksam ist. Und das Fallbeispiel sollte vor Augen führen, dass es keine gute Idee ist, eine Therapie eigenmächtig zu verkürzen. Durch diese Therapieabbrüche züchten Tierhalter mit der Zeit - freilich ohne es zu wollen - echte "Superbakterien" heran, die gegen alle gängigen Medikamente immun sind. Die Pharmaforschung steht gewissermaßen in einem ständigen Wettlauf mit den Erregern, es müssen immer neue, schlagkräftigere Medikamente entwickelt werden. Doch irgendwann gibt es vielleicht keine Medikamente mehr, die gegen "Supererreger" wirksam ist. Was das für uns Menschen und die Tiere bedeuten würde, liegt auf der Hand.

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