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Achtung: Das Lesen dieses Birds-Online-Kapitels sollte niemals den Gang zum Tierarzt ersetzen!

Krankengymnastik für VögelEine Reihe von Erkrankungen kann dazu führen, dass Vögel ihre Gliedmaßen, zum Beispiel die Beine oder Flügel, nicht mehr so gut bewegen können wie zuvor. Zu den Auslösern gehören gesundheitliche Probleme infolge von Mangel- und Fehlernährung sowie Unfälle, schlaganfallähnliche Erkrankungen und neurologische Krankheiten. Erschlaffte oder zurückgebildete Muskulatur - der Tierarzt spricht hierbei von atrophierten Muskeln - oder Schädigungen an Nervensträngen führen zu verschiedenen Beeinträchtigungen, die von leichten Störungen im natürlichen Bewegungsablauf bis hin zu schweren Lähmungen reichen können. Folgende Ursachen für entsprechende motorische Einschränkungen treten bei Ziervögel vergleichsweise häufig in Erscheinung:

Zeigt ein Vogel plötzlich schwere Lähmungserscheinungen oder Bewegungsstörungen, so muss umgehend ein Tierarzt zu Rate gezogen werden! Erst nachdem eine sichere Diagnose gestellt und eine wirksame Therapie eingeleitet worden ist, sollte man in Absprache mit dem Tierarzt gymnastische Übungen, die mit dem Vogel durchgeführt werden, in Betracht ziehen. Niemals sollte ein Tierhalter krankengymnastische Übungen ohne vorherige Absprache mit dem behandelnden Tierarzt durchführen. Es ist unbedingt erforderlich, sich grundsätzlich an die Anweisungen des Arztes zu halten. Erst nachdem der Tierarzt sein Einverständnis zum Durchführen der in diesem Kapitel gezeigten Übungen oder anderer Varianten des Trainings erklärt hat, darf damit begonnen werden.

Es empfiehlt sich außerdem, die Übungen ausschließlich mit zahmen Vögeln durchzuführen. Anderenfalls riskiert man einen tödlichen Schreck, wenn sich das erkrankte Tier davor fürchtet, in die Hand genommen oder berührt zu werden. Außerdem sollten die Vögel die hier vorgestellten Übungen stets über einer weichen Unterlage durchführen, damit sie sich nicht verletzen, falls sie abstürzen. Besonders gut geeignet sind große, weiche Kopfkissen, über die man eine schützende Decke legt, die so beschaffen sein sollte, dass der trainierende Vogel beim Laufen nicht mit seinen Krallen darin hängen bleiben kann. Frotteehandtücher sind somit für kleine Ziervögel wie zum Beispiel Wellensittiche nicht als Trainingsunterlage geeignet.

Beispiel 1: Fuß- und Beintraining mit Katharinasittich Boris
Die folgenden Fotos des Katharinasittich-Männchens Boris zeigen, wie krankengymnastische Übungen für Vögel mit Bewegungsstörungen in den Füßen und Beinen aussehen können. Boris litt an einer Vergrößerung der inneren Organe wie der Leber, sodass einige Nervenstränge im Bereich der Wirbelsäule gequetscht worden waren. Infolgedessen kam es bei Boris zu krampfartigen Lähmungserscheinungen in beiden Füßen, seine Zehen waren in der typischen "Kusshandstellung" verkrampft. Das Laufen fiel ihm schwer, weshalb seine Halterin mit ihm die unten gezeigten Übungen durchführte, um die Füße zu entkrampfen und die Zehen wieder in die Normalstellung zu bringen.

Boris hat Lähumgen in den Zehen
Abbildung Boris 1: Katharinasittich-Männchen Boris litt an Lähmungen in den Zehen beider Füße. Er konnte nicht mehr richtig stehen und lag stattdessen bäuchlings auf der Unterlage, wobei seine Füße zu kleinen "Fäusten" geballt waren.

Ausgangsstellung  Reflexprobe
Abbildung Boris 2 (links): Die Ausgangsstellung für die Krankengymnastik sieht aus wie in der Abbildung gezeigt. Der Vogel liegt in der Hand auf dem Rücken. Sofern es dem Vogel möglich ist, öffnet er die "Fäuste" und streckt alle Zehen aus. Boris ist dies gelungen, wie die Abbildung zeigt.
Abbildung Boris 3 (rechts): Unter dem Fuß liegt bei Vögeln ein Punkt, durch dessen Stimulation man den sogenannten Greifreflex auslösen kann. Die rechte Abbildung zeigt, wie die Trainerin den Finger auf diesen Punkt unter Boris' linkem Fuß legt. Der Reflex ist noch nicht ausgelöst, die Zehen sind noch ausgestreckt.

Greifreflex ausgeführt
Abbildung Boris 4: Der Greifreflex ist aktiviert worden, alle vier Zehen des linken Fußes haben den Finger der Trainerin umschlossen und halten ihn fest. Nun kann der Vogel vorsichtig mit Hilfe des umgriffenen Fingers empor gehoben werden.

Boris hält sich fest
Abbildung Boris 5: Indem der Vogel einige Sekunden frei schwebend über die weiche Unterlage gehalten wird, trainiert man die Muskulatur des Beines. Die Muskulatur wurde zuvor wie in Abbildung 3 und 4 gezeigt durch das Auslösen des Greifreflexes stimuliert.

Boris putzt sich
Abbildung Boris 6: Boris fand das Ganze alles andere als schrecklich. Kopfüber hängend mit nur einem Fuß als Halt begann er damit, völlig entspannt sein Gefieder zu putzen.

Zweibeinige Übung
Abbildung Boris 7: Zweibeinig lässt sich die Hänge-Übung übrigens auch durchführen.

Hochziehen
Abbildung Boris 8: Als nächstes legt man den Vogel wieder in die Ausgangsstellung (siehe Abbildung 2). Dann stimuliert man an beiden Füßen den Punkt für den Greifreflex und entfernt vorsichtig die stützende Hand im Rücken des Vogels, nachdem seine Zehen den Finger umgriffen haben. Nun wird sich das Tier seinem Instinkt folgend am Finger hochziehen, um sich auf ihn stellen zu können. Boris zeigt in der Abbildung, wie es geht. Achtung, der Einsatz des Schnabels, mit dem der Vogel Halt am Finger sucht, kann ein wenig schmerzhaft für den Menschen sein. Wer sehr schmerzempfindlich ist, sollte diese Übung abwandeln und dem Vogel einen Ast zum Umklammern anbieten.

Geschmackvolles Trainingsgerät
Abbildung Boris 9: So viel Gymnastik macht hungrig. Da ist es wenig verwunderlich, dass ein kleiner Snack zwischendurch einen regelrechten Motivationsschub auslöst. Zumal sich Kolbenhirse oder Silberhirse in der Rispe bestens als leckeres "Trainingsgerät" eignen.

Hirsemahlzeit im Liegen
Abbildung Boris 10: Boris lässt sich seine Hirse liegend schmecken - mit perfekter Beinarbeit, versteht sich.

Beispiel 2: Wellensittich Indira
Das junge Wellensittich-Weibchen Indira hatte Pech. In ihrem ehemaligen Zuhause haben die Menschen nicht aufgepasst und ihre Eltern auf einem glatten Untergrund zur Brut schreiten lassen. Weil es keine Nistmulde gab, hat das Gewicht ihrer Mutter sie so stark nach unten gedrückt, dass Indiras Hüften geschädigt wurden. Als der junge Vogel in meine Obhut gelangte, standen beide Beine seitlich ab und in den Füßen hatte Indira so gut wie keinen Greifreflex. Sie lag ständig auf dem Bauch und ruderte manchmal unbeholfen mit den damals noch nutzlosen Beinen.

Indira liegt auf dem Bauch
Abbildung Indira 1: Die Beine des jungen Weibchens Indira stehen seitlich ab und mit den Füßen ist kein Greifen möglich, weil der Greifreflex fehlt. Neugierig untersucht der Vogel mit dem Schnabel den weichen Untergrund.

Beintraining
Abbildung Indira 2: Vorsichtig wird ein Finger unter einen der Füße geschoben. Der Fuß wird an der Stelle berührt, an der sich der Reflexpunkt zur Auslösung des Greifreflexes befindet. Dann wird das Bein langsam etwa bis zur Körpermitte angehoben, wobei versucht wird, den Vogel in Richtung des anderen Beines zu schieben. Mit der Zeit werden die Beinmuskeln in den meisten Fällen kräftiger und der Vogel stellt sich auf das untere Bein, siehe Abbildung 3, während er sich mit dem oberen Bein an festhält. Hierfür muss der Greifreflex zunächst aber ausgiebig trainiert werden.

Indira steht
Abbildung Indira 3:
Das Training brachte Erfolg und Indira war nach etwa vier Wochen dazu in der Lage, normal auf dem jeweils unteren Bein zu stehen und mit dem Fuß des oberen Beines einen Gegenstand fest zu umklammern. Sie konnte nicht nur wie auf dem Foto gezeigt auf dem linken Bein stehen und sich mit dem rechten am Ast festhalten, sondern auch umgekehrt.

Indira liegt auf der Hand
Abbildung Indira 4:
Nachdem die Muskulatur beider Beine mit der Zeit kräftiger geworden war und Indira mit beiden Füßen normal greifen konnte, habe ich sie so auf meine Hand gesetzt, dass je ein Fuß einen Finger umklammert. Dann habe ich meine Finger behutsam so zusammengeführt, dass Indiras Beine nicht mehr seitlich neben ihrem Körper standen, sondern sich darunter befanden, siehe Abbildung 5.

Indira steht auf der Hand
Abbildung Indira 5:
Beide Beine sind weitestgehend in die anatomisch korrekte Position geschoben und können das Gewicht des Vogels tragen. Der Bauch liegt nicht mehr auf dem Finger auf und die Füße umgreifen die Finger.

Indira kann selbstständig stehen
Abbildung Indira 6:
Wenn sie gerade keine krankengymnastischen Übungen mit mir durchführt, versucht Indira von sich aus, möglichst aufrecht zu stehen. Sie bringt dabei die Beine sogar vergleichsweise eng zusammen, wenn auch weniger weit, als es in Abbildung 5 auf der Hand zu sehen ist. Deutlich erkennt man auf dem Foto Nr. 6, wie der Vogel mit beiden Füßen fest die Äste umschließt.

 
 
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