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Achtung: Das Lesen dieses Birds-Online-Kapitels sollte niemals den Gang zum Tierarzt ersetzen!

ZwangsernährungBei Ziervögeln sind bestimmte Krankheiten oder Gesundheitsstörungen so gravierend, dass ein davon betroffenes Tier entweder keinen Appetit hat oder sich aufgrund der Erkrankung vorübergehend nicht selbstständig ernähren kann. In solchen Fällen kann es erforderlich sein, als lebensrettende Maßnahme für eine gewisse Zeit eine Zwangsernährung des Vogels durchzuführen. Typische Situationen, in denen diese Art der Fütterung praktiziert wird, sind beispielsweise schwere Infektionen des Kropfes oder Schnabelverletzungen. Auch verwaiste Küken oder zu früh von den Eltern getrennte Jungvögel müssen gefüttert beziehungsweise mitunter sogar zwangsernährt werden.

Bei der Zwangsfütterung eines Vogels unterscheidet man verschiedene Methoden. Besonders häufig wird Weich- oder Breifutter entweder per Löffel oder Futterspritze in den Schnabel gegeben. Der Vogel muss das Futter aus eigener Kraft schlucken. Die Zwangsfütterung mit Hilfe eines Löffels ist vor allem bei schwer kranken, geschwächten und appetitlosen Vögeln äußerst anstrengend für alle Beteiligten, weil viele Tiere das Futter nicht freiwillig schlucken wollen oder es aufgrund ihrer Erkrankung nicht richtig können. Deshalb ist diese Art der Zwangsfütterung in den meisten Fällen nicht gut geeignet, um einem erkrankten Vogel zu helfen. Lediglich hungrige Jungvögel lernen meist schnell, Futterbrei oder andere Nahrung von einem Löffel aufzunehmen und schlucken das Futter nach einer Gewöhnungsphase problemlos selbst.

Die Zwangsernährung per Futterspritze ist häufig ähnlich kompliziert. Vögel, die keinen Appetit haben, schlucken den Brei, den man ihnen per Spritze (ohne Nadel) in den Schnabel gibt, oft nicht herunter. Sie spucken ihn aus oder schieben ihn mit der Zunge so lange hin und her, bis er durch den Rachen in die Nase empor steigt und die Tiere kaum noch atmen können. Für einen ohnehin schon geschwächten Vogel ist diese Art der Fütterung eine zusätzliche Tortur. Nur wenige Vögel schlucken freiwillig und ohne Probleme den Futterbrei, der ihnen per Futterspritze in den Schnabel gegeben wird.

KropfsondeUm einen Vogel relativ stressarm mit Brei zu füttern, empfiehlt sich der Einsatz eines speziellen Spritzenaufsatzes, der Kropfsonde oder Kropfkanüle genannt wird. Eine solche Kanüle in einer Ausführung aus Metall ist auf dem Foto rechts zu sehen. Es gibt auch Kanülen, die aus Silikonschläuchen bestehen, zudem gibt es gerade und gebogene Kanülen. Sie alle werden auf dieselbe Weise genutzt: Die Kanüle wird durch den Schnabel sowie durch die Speiseröhre geführt und so weit in den Vogel geschoben, dass sich die vordere Öffnung der Kanüle innerhalb des Kropfes befindet. Der Futterbrei strömt dort aus der Spritze und der Vogel muss ihn nicht schlucken, da die Futterspritze direkt im Kropf entleert wird. Allerdings ist diese Art der Fütterung nicht ungefährlich und sollte deshalb ausschließlich von Tierärzten oder erfahrenen Vogelhaltern durchgeführt werden, die im Vorfeld durch einen Tierarzt angelernt worden sind! Verrutscht man beim Einführen der Kanüle, trifft man die Luftröhre und der Vogel erstickt!

Zwangsernährung per KropfsondeAls Futterbrei eignet sich sogenanntes Handaufzuchtfutter, das im Fachhandel für Papageiennahrung erhältlich ist und nicht mit Aufzuchtfutter (Futter auf Eibasis) verwechselt werden darf. Ist gerade kein Handaufzuchtfutter zur Hand, kann alternativ als Überbrückung auch laktosefreie Babynahrung, also Brei ohne Milchzucker, verabreicht werden. Milchzucker sollte in dem Futter nicht enthalten sein, weil er bei Wellensittichen und vielen anderen Ziervögeln zu Verdauungsstörungen wie Durchfall oder Blähungen führt. Der angerührte Futterbrei darf nicht zu dickflüssig sein, damit er in der Spritze nicht verklumpt und nur mit großem Druck in den Kropf gedrückt werden kann. Die Gefahr, dass man dabei versehentlich mit der Kanüle verrutscht und den Vogel innerlich verletzt, ist zu groß! Außerdem darf der Brei nicht zu kühl sein, er sollte beim Verfüttern mindestens 30 Grad Celsius warm sein. Heißer als ca. 38 Grad Celsius darf er hingegen ebenfalls auf keinen Fall sein, weil der Vogel ansonsten innerliche Verbrennungen erleiden würde. Für jede einzelne Fütterung muss der Brei frisch angerührt werden. Alter Brei kann nicht wieder aufgewärmt werden, er ist nicht mehr zu gebrauchen, allein schon aus hygienischen Gründen.

Wichtig:
Ein Vogel, der mit Brei ernährt wird, scheidet relativ feuchten Kot aus, der ein wenig an Durchfall erinnert. Das ist normal, weil der Brei vergleichsweise viel Flüssigkeit (Wasser) enthält.

Tipp: Das Breipulver verdirbt leider relativ rasch, nachdem die Verpackung geöffnet worden ist. Wer für einen Notfall stets ein wenig frisches Breipulver parat haben möchte, sollte die Packung unmittelbar nach dem Öffnen einfrieren. Das Pulver bleibt streufähig, wenn man es luftdicht verpackt einfriert. Es lässt sich leicht portionieren und sofort nach dem Entnehmen aus dem Gefrierfach mit heißem Wasser zu Brei anrühren (vor dem Verfüttern abkühlen lassen!). Eingefrorenes Breipulver in einer angebrochenen Packung ist je nach Produkt etwa sechs bis zwölf Monate haltbar, wenn es sofort nach dem Öffnen der Verpackung eingefroren wird. Fertig angerührten Brei sollte man nicht einfrieren, weil er zur Klümpchenbildung neigt.

Futtermenge bei der Zwangsernährung
Erwachsene Wellensittiche benötigen mehrmals am Tag Nahrung. Drei Fütterungen sind das Minimum, in manchen Fällen muss häufiger gefüttert werden - eine pauschale Aussage ist aber nicht möglich. Wie oft man einen Vogel füttern sollte, muss deshalb im Einzelfall mit dem behandelnden Tierarzt geklärt werden. Nachts benötigen erwachsene Vögel normalerweise kein Futter. Lediglich junge Wellensittiche, die sich noch im Wachstum befinden, brauchen bis zu einem Alter von rund drei Wochen auch in der Nacht regelmäßig Nahrung.

Während einer Fütterung sollte nicht zu viel Brei verabreicht werden, denn ein zu voller Kropf kann zu verschiedenen Beschwerden führen, darunter Atemnot oder Futterstau (der Brei gärt dann im Kropf). Für Wellensittiche haben sich 5-ml-Spritzen bewährt, weil sich darin bis zu sechs Milliliter Brei aufziehen lassen (bis zum Anschlag befüllen). Pro Fütterung werden bei sehr schwachen Vögeln ein bis zwei Milliliter Brei eingegeben, bei etwas kräftigeren Vögeln drei bis vier Milliliter. Jungtiere, die weniger als zwei Wochen alt sind, benötigen weniger Nahrung während einer Fütterung. Klären Sie bitte mit einem erfahrenen Vogel-Tierarzt, wie viel Futterbrei im Einzelfall verabreicht werden sollte.

Hygiene bei der Zwangsernährung
Insbesondere dann, wenn eine Spritze zum Einsatz kommt - sei es mit Kropfsonde oder ohne -, muss man auf eine größtmögliche Hygiene achten. Bei jeder Fütterung sollte eine neue Spritze verwendet werden. Die Kropfkanüle sollte nach der Fütterung gründlich durchgespült und in heißem Wasser ausgekocht werden (bei Metallkanülen9. Anderenfalls könnten mit dem Futterbrei Bakterien oder andere Krankheitserreger in den Kropf gelangen, die zu schweren Infektionen führen würden. Außerdem sind Breireste aus dem Gefieder des Vogels zu entfernen, und der Schnabel (auch die Innenseite!) sollten ebenfalls gesäubert werden, falls dort Futterreste kleben. Der Grund dafür ist, dass sich im Futterbrei relativ schnell Krankheitserreger vermehren können, die einem ohnehin schon geschwächten Vogel zusetzen würden. Reinigen Sie den Vogel sofort nach der Fütterung, wenn die Breireste im Gefieder noch feucht sind. Denn sind sie einmal ausgehärtet, lassen sie sich kaum mehr entfernen.

Wenn man sich die Zwangsernährung nicht zutraut ...
Es ist keine Schande, wenn man sich als Tierhalter eingestehen muss, der hohen Verantwortung nicht gewachsen zu sein, einen Vogel auf diese Weise zu füttern. In vielen Tierkliniken und Praxen vogelkundiger Tierärzte werden gefiederte Patienten stationär aufgenommen, wenn sie einige Tage zwangsernährt werden müssen. Man sollte sich deshalb nicht scheuen, den Tierarzt darauf anzusprechen, wenn dieser im Krankheitsfall zu einer Zwangsernährung des Vogels rät. Man lässt seinen gefiederten Patienten nicht im Stich, sondern sorgt auf diese Weise dafür, dass ihm fachkundige Hilfe zuteil wird.

Die Grenzen der Zwangsernährung
Zwangsernährung per KropfsondeIst ein Vogel so schwer erkrankt, dass er nie wieder eigenständig Nahrung zu sich nehmen können wird, wäre er lebenslang auf eine Zwangsernährung durch seinen Halter angewiesen. Ist diese ausschließlich per Kropfsonde möglich, sollte der Patientenbesitzer mit dem behandelnden Tierarzt gründlich überlegen, ob es tatsächlich sinnvoll ist, dem betroffenen Vogel dies zuzumuten. Die Zwangsernährung per Kropfsonde ist für einen Vogel unangenehm und es ist durchaus denkbar, dass ihm durch das Einführen der Sonde kurzzeitig übel wird. Es ist deshalb fragwürdig, ein Tier für den Rest seines Lebens mehrmals täglich dieser strapaziösen Prozedur zu unterziehen. So schwer es auch sein mag - einem solchen Fall sollte man mit dem Tierarzt im Sinne des Vogels entscheiden und über das Einschläfern des Patienten nachdenken.

Zwangsernährung bei der Handaufzucht von Jungvögeln
Mitunter müssen Jungtiere von Hand gefüttert werden, weil sie verwaist sind oder aufgrund einer schweren Erkrankung zu schwach dazu sind, weiterhin im Nistkasten und in der Obhut der Eltern heranzuwachsen. Es ist äußerst schwierig, junge Papageienvögel als Laie von Hand großzuziehen. Der Einsatz von Kropfsonden ist bei sehr jungen Nestlingen kleiner Vogelarten meist nicht möglich, weil die Tiere viel zu klein sind. Müssen Jungtiere zwangsernährt werden, sollte man entweder eine normale Futterspritze ohne Kropfkanüle verwenden oder die hilfsbedürftigen Vögel in die Obhut einer erfahrenen Person geben.

Eine Handaufzucht als lebensrettende Maßnahme durchzuführen, ist zwar nicht einfach, aber auf alle Fälle einen Versuch wert. Leider trennen manche Züchter einzelne junge Papageienvögel absichtlich von den Alttieren, um die Nestlinge von Hand großzuziehen und so auf den Menschen zu prägen. Zahme Jungtiere lassen sich später gewinnbringend verkaufen, die Handaufzucht ist für solche Züchter nicht selten ein lukratives Geschäft. Dieses Vorgehen, also die kommerzielle Handaufzucht von Einzelvögeln, ist aus ethischer Sicht nicht akzeptabel. Lesen Sie bitte hierzu auch die Birds-Online-Rubrik "Nein zur kommerziellen Handaufzucht". Falls Sie ein Jungtier in Ihrer Obhut haben, das als lebensrettende Maßnahme von Ihnen gefüttert werden muss, finden Sie in der Zucht-Rubrik von Birds Online Hilfe.

 
 
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