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  Erfahrungsbericht von Lena Jürgensen, Juli 2017

Muckis frische KopfverletzungAn einem Donnerstag kam ich abends von der Arbeit nach Hause. Aber ich wurde nicht wie sonst von sieben laut nach Futter fordernden Wellis begrüßt. Stattdessen liefen zwei Wellis über den Boden vor einer Kommode. Dabei hatte die Henne ihr Brustgefieder voller Blut. Beide Vögel flogen beim Betreten des Zimmers auf die Voliere, die Henne verhielt sich total normal.

Mir fiel aber auf, dass zwei Hennen fehlten. Der Partner der einen verriet jedoch, dass seine Frau bei der Kommode sein musste. Ein kurzer Blick – tatsächlich saßen zwei Hennen hinter der Kommode. Von oben konnte man schon sehen, dass eine Henne stark am Kopf geblutet hatte. Sie schrie, sobald sie mich sah und erst recht, als ich die Kommode verrückte. Ich befürchtete schon, den Vogel einzuklemmen.

Nachdem die Blutung aufgehört hatte und das Blut entfernt war, konnte man sehen, wie groß die Verletzung an Muckis Kopf warDie zweite Henne namens Hexchen (ihres Zeichens Fußgängerin, die niemals freiwillig auf dem Boden ist) flüchtete, die Henne Nepomuk aber rannte nun Schutz suchend noch weiter hinter die Kommode. Als die Kommode dann endlich komplett abgerückt war, flog Nepomuk, kurz Mucki genannt, in die Voliere. Ihr Partner Balu kam sofort hinterher. Das Weibchen sah schlimm aus! Es fehlte die Haut auf dem halben Kopf! Alles war voll mit hellrotem Blut, Genaues erkennen konnte man nicht. Meine Angst könnt Ihr Euch sicher vorstellen! Sofort rief ich bei meiner Tierärztin Dr. Petra Zsivanovits an und sie sagte, ich könne natürlich vorbeikommen. Also setzte ich beide Hennen in den Transportkäfig - schließlich schien noch ein Vogel verletzt zu sein - und fuhr dann eine Stunde zur Tierarztpraxis.

Die von ihrer Verletzung schwer gezeichnete Mucki mit ihrem Partner BaluZum Glück konnte die Tierärztin für die erste Henne schnell Entwarnung geben, sie hatte nur Fremdblut an sich - nämlich das von Mucki. Bei ihr sah das Ganze anders aus. Kleine Kratzer an den Krallen, eine riesige Kopfwunde (dadurch ein geschwollener Kopf) und die Wachshaut war zur Hälfte abgerissen - inklusive einem Nasenloch. Der Schnabel selbst war zum Glück heil geblieben, er war fest und Mucki würde ihn gefahrlos weiter nutzen können, ohne dass er abbrechen würde.

Mucki musste wochenlang sehr intensiv behandelt werden, damit sie ihre schwere Kopfverletzung überstehen konnteDie Tärztin nannte mir zwei Möglichkeiten: Entweder könne man Mucki sofort erlösen oder aber den Welli mit allen Mitteln (Chemiekeule, verschiedene antibakterielle Medikamente, welche gegen Pilz und natürlich Schmerzmittel) behandeln - letzteres mit ungewissem Ausgang. Es gab leider einen zusätzlichen Risikofaktor: Mucki hat Macrorhabdiose (Megabakterien), der mit einer Behandlung verbundene Stress könne natürlich einen Schub auslösen, erklärte die Tierärztin.

Ich habe mich für das Kämpfen entschieden. Zwar bot mir die Tierärztin an, Mucki stationär aufzunehmen, aber ich nahm die kleine Patientin lieber mit nach Hause, wobei sich die Rückfahrt dank Stau leider um anderthalb Stunden verlängerte... Kurz vor Mitternacht waren wir zu Hause. Mucki blieb im Transportkäfig, sie hatte ja schon im Stau und auf der Fahrt danach versucht zu schlafen, und einen Krankenkäfig hatte ich eh nicht vorbereitet. Ihr Partner Balu kam sofort ins andere Zimmer, um sie zu suchen, und blieb während der Nacht bei ihr im für ihn fremden Zimmer.

Eine lange Zeit mit vielen Medikamenten und häufigem Eincremen lag noch vor Mucki, als dieses Foto entstandDa er aber allzu besorgt um Mucki war und sie so gar keine Ruhe hatte, musste er am nächsten Tag den Platz mit Hexchen tauschen. Hexchen ist immer schon gerne bei Mucki und Balu gewesen, und am Vortag muss sie sich Muckis Gesellschaft suchend hinter die Kommode gequetscht haben – und das als Fußgängerin! Sie hatte wohl große Angst um Mucki, anders kann ich mir ihr Verhalten nicht erklären.

Nun fing also das Kämpfen an. Zweimal am Tag bekam Mucki insgesamt sieben Medikamente in den Schnabel bzw. auf die verletzten Stellen am Kopf und im Gesicht. Von Anfang an machte Mucki die Behandlung gut mit. Sie war am ersten Tag nach dem Tierarztbesuch etwas schlapp, aber sie hat sich sehr schnell wieder gefangen. Gelegentlich gab es auch Protestschreie, aber die gehören einfach dazu. Durch Hexchen oder Balu hatte sie immer einen Vogel zur Gesellschaft, was ihr gut gefiel.

Während der ersten Tage nach ihrem "Unfall" hat Mucki etwas mehr geschlafen als sonst, aber das restliche Verhalten war zum Glück total unauffällig – Rufen nach Balu, Fressen, Putzen, und sogar das Köpfchen Schubbern ging....

Unter Aufsicht durfte Mucki während der Heilungsphase Zeit mit ihren Artgenossen verbringen, was ihr sehr gut tatAb Tag drei durfte Mucki dann – unter strenger Aufsicht – stundenweise zu den anderen Vögeln ins Zimmer. Da war die Freude riesig, Hexchen und Balu haben sie regelrecht belagert, egal wo sie hinflog, Balu kam sofort hinterher und Hexchen machte sich auch auf den Weg. Balu durfte außerdem ihr Köpfchen putzen, Mucki musste alle Näpfe nach Restfutter absuchen – ich glaube, trotz des Stresses durch die "Belagerung" durch Balu und Hexchen hat sie die Stunden in der Gesellschaft der anderen Vögel genossen.

Nach nicht ganz einer Woche stand der erste Nachuntersuchungstermin an. Das Urteil der Ärztin lautete: Alles gut, eine beginnende Wundheilung war erkennbar. Doch die Gefahr von Infektionen war natürlich immer noch da. Der Versuch, Mucki eine Art Haube aufzusetzen (damit die Wunde leichter heilt), scheiterte. Die Haube wollte einfach nicht halten, und zum Befestigen gab es nicht genug heile Haut. Aber immerhin konnte ein Schmerzmittel nach dem Tierarztbesuch vom Behandlungsplan gestrichen werden.

Ihr Partner Balu kümmerte sich während ihrer Genesungsphase rührend um MuckiZu Hause angekommen, kam auch sofort Balu. Er war wohl da um zu prüfen, dass ich seiner Frau nichts getan habe. Er rückte ihr wirklich keinen Millimeter von der Seite. So ein Verhalten kannte ich gar nicht von ihm, er ist zwar schon seit Jahren ihr Partner, aber so anhänglich ist er vorher nie gewesen.

Wir waren in der darauf folgenden Zeit regelmäßig bei der Tierärztin, erst wöchentlich, dann wurden die Abstände immer größer. Die Medikamente wurden auch langsam runtergefahren, bis nur noch einmal am Tag Salbe auf die heilenden Körperpartien aufgetragen wurde. Zuerst verabschiedete sich der Schorf auf der Nase und zeigte deutlich, wie viel Glück dieser Welli gehabt hatte, da ein recht großes Stück zwischen Schnabel und Wachshaut einfach fehlte. Es hätte bei weitem noch schlimmer ausgehen können... Das Nasenloch ist deformiert und muss für den Rest von Muckis Leben ständig besonders beachtet werden, weil es zu Atemwegsinfektionen kommen könnte.

Zum Glück heilten Muckis Wunden gut und ohne KomplikationenSpäter verabschiedete sich auch der Schorf am Kopf und nur eine kleine Stelle blieb übrig, und auch die war ziemlich genau zwei Monate nach der Attacke verheilt. Seitdem wuchsen immer mehr Federn nach. Zum jetzigen Zeitpunkt ist allerdings noch nicht klar, ob die komplette Fläche der ehemaligen Wunde später wieder Federn bekommen wird oder nicht.

Mucki war während der gesamten Behandlungsdauer eine absolut tapfere Patientin, die mich nicht hat zweifeln lassen, dass ich das Richtige tue. Sie wollte definitiv leben, und das darf sie jetzt wieder bei den anderen Vögeln.

Muckis Wachshaut hat einen bleibenden Schaden erlitten, aber ihr Schnabel ist zum Glück unverletzt gebliebenWas nun bleibt, ist die Frage, wer Mucki angegriffen und so übel zugerichtet hat - wahrscheinlich war es das Weibchen Donna. Sie war damals in Brutstimmung. Vor der Attacke konnte ich bei ihr allerdings kein "schlimmes" Verhalten feststellen. Gut, sie ist eine Henne, die schon mehr "Wumms" hat als andere. Sie setzt sich durchaus oft durch, aber Angriffe konnte man nie bei ihr sehen.

Nach der Attacke habe ich die Kommode an eine andere Wand gestellt. Jetzt sind die Seiten abgedichtet (vorher war da ein Mini-Spalt, der dann in der Not doch groß genug war). Wenn Donna sich auffällig für einen Ort interessiert und brutlustig zu werden scheint, wird dieser umgestaltet. Allgemein wird jetzt öfter "umdekoriert", um sie zu beschäftigen. Und ich habe Kork aufgehängt.

Da hier nur Natursitzstangen sind, Korksitzbrettchen hängen, Heu und Papier zum Schreddern bereitstehen, dachte ich, das wäre genug. Dennoch habe ich Kork-Untersetzer aufgehängt – und Donna war drei Tage mit Schreddern beschäftigt – nur zum Schlafen gab sie kurz Ruhe, aber zum Fressen wollte sie eigentlich nicht aufhören. Alle anderen Sittiche wurden weggescheucht wenn sie ihrem Untersetzer zu Nahe kamen. 1,5 Untersetzer pro Tag hat sie anfangs geschafft. Dieses extreme Schreddern ist mittlerweile auch kein Thema mehr, sie schreddert zwar immer noch gerne, aber viel weniger und auch die anderen Vögel dürfen jetzt ran.

Balu ist seiner schwer kranken Partnerin die ganze Zeit nicht von der Seite gewichenAbschließend möchte ich noch erwähnen, wie sich Mucki nun verhält. Sie ist nach wie vor nicht zahm. Doch durch das häufige Einfangen, Anfassen und Eincremen hat sich ihr Verhältnis zum Menschen gebessert. Sie ist gelassener, wenn man an sie herantritt, sie frisst immer noch Hirse aus der Hand.

Mucki heute mit ihrem Balu und ihrer Hexe, zu sehen ist so eine große Freude. Sie hat mir gezeigt, wie wichtig es ist zu kämpfen und vor allem wie schön es ist, diesen Kampf zu gewinnen.

 
 
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