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Achtung: Das Lesen dieses Birds-Online-Kapitels sollte niemals den Gang zum Tierarzt ersetzen!

Erfahrungsbericht von Ina Rinck, September 2007

Lenny mit seinem komplizierten BeinbruchDas Wellensittichmännchen Lenny wurde von meiner Kollegin Andrea im August 2006 in einem Baumarkt im Saarland entdeckt. Der Vogel saß ganz allein - separat von seinen Freunden. Andrea tat der Kleine so schrecklich leid. Sie bemerkte, dass mit seinem Beinchen etwas nicht stimmte. Sie kaufte Lenny für einen Euro frei und nahm ihn mit nach Hause. Allerdings war sie etwas unglücklich und fühlte sich überfordert, deshalb kam der Kleine zu mir.

Ich sah sofort, was geschehen war: Lenny hatte sich das Beinchen gebrochen und es war schief zusammengewachsen - genau genommen verdreht nach oben. Die Zehen waren gelähmt und wie zu einer Faust zusammengeballt. Lenny stützte sich auf dem Gelenk auf. Da es sich zu allem Übel um einen Splitterbruch gehandelt hatte, ragte eine kleine Spitze des Knochens aus der Aufliegefläche hervor.

Dieser Hautbereich war natürlich stark gerötet und wund, die Wunde wäre niemals von allein abgeheilt. Es war eigentlich ein Wunder, dass sich Lenny noch keine Blutvergiftung zugezogen hatte. Der Unfall, der zu dem Bruch geführt hatte, musste schon einen längeren Zeitraum zurückgelegen haben. Meine Güte, was musste der Kleine nur für Schmerzen ausgehalten haben!

Eigentlich war mein erster Gedanke, dass Lennys Beinchen amputiert werden müsste, denn so konnte es auf keinen Fall bleiben. Das Schlimme war, dass er sich immer beim Klettern an den Gitterstäben unglücklich einhakte und sich selbst nicht mehr befreien konnte. Es musste also schnell gehandelt werden, weil ich ihn keine Minute aus dem Auge lassen konnte. Eine Woche später konnte ich Lenny meinem vogelkundigen Tierarzt vorstellen. Doch hier kommen zunächst einmal einige Bilder:

Lenny mit seinem komplizierten Beinbruch

Lennys schiefes Bein

Mein Tierarzt hatte in der Vergangenheit Erfahrungen mit dem Richten von Knochenbrüchen bei Großsittichen und Papageien gesammelt. Er hat den Tieren mit Hilfe einer speziellen Operationsmethode helfen können, indem er die Brüche auf besondere Weise mit einem Draht behandelt hat. Allerdings wurde in ganz Deutschland noch nie ein Wellensittich in dieser Form operiert, weil ein derart dünner Draht erst kurz zuvor auf den Markt gekommen war.

Der Arzt sagte, eine Amputation wäre eine radikale Entscheidung, er möchte versuchen, das Bein zu richten. Wenn es nicht funktionieren würde, könnte man immer noch das Beinchen abnehmen. Ich vertraute dem Tierarzt, obwohl Lenny anscheinend sein "Versuchskaninchen" war. Fakt war, dass das Gelenk steif bleiben würde, aber das Bein bei einem Gelingen der Operation trotzdem voll einsatzfähig sein würde.

Lenny mit seinem komplizierten BeinbruchEine Woche später war es so weit. Der Tierarzt legte Lenny in Narkose und wagte die filigrane Operation. Er brach dem Kleinen noch einmal das Beinchen, durchbohrte an drei Stellen den kleinen Knochen und setzte einen sogenannten Fixateur externe ein. Fixateur ist Französisch und heißt auf Deutsch so viel wie "Festhalter".

Auf Lenny bezogen bedeutet dies: Es wurde ein spezieller Draht durch den Knochen gesteckt, damit dieser stabil bleibt und anatomisch korrekt zusammenwachsen konnte. Außen wurde ein Kunstharz angebracht, das zusätzlichen Halt geben sollte. Für die gelähmten Zehen wollte der Tierarzt einen "Schuh" anfertigen, damit die Zehen zumindest in der anatomisch richtigen Position stehen würden. Die Nerven waren leider zerstört.

Nach drei Stunden durfte ich Lenny abholen, der Tierarzt war ziemlich erschöpft, aber er lächelte. Die Operation war soweit gelungen, der Knochen war bei der Bohrung nicht gesplittert (seine größte Angst). Lenny war recht benommen, aber er hatte die Narkose gut verkraftet. Als ich das Beinchen sah, war ich sehr betroffen. Ich wusste nicht, ob es wirklich die richtige Entscheidung gewesen war. Es sah schlimm aus und ich hatte zuerst ein schlechtes Gewissen, dass ich Lenny dies zugemutet hatte.

Erläuterung des Fixateurs an Lennys Bein

Der Tierarzt sagte zu mir, dass Lenny diesen Fixateur zwischen sechs und acht Wochen tragen müsste, bis alles wirklich gut zusammengewachsen sein würde. In dieser Zeit durfte er auf keiner Stange stehen und erst recht keine Kletter- oder Flugversuche unternehmen. Er musste somit in einem Hamsterkäfig auf dem Boden ausharren, das machte ihm allerdings überhaupt nichts aus.

Mit viel Spielzeug und viel "Herumtragerei" sowie "Kraulerei" wollten wir die Zeit überbrücken. Täglich musste seine Beinwunde zweimal mit Betaisodona eingepinselt werden, damit es zu keiner Infektion kam. Auch musste ich ihm in den ersten zehn Tagen ein Antibiotikum direkt in den Schnabel verabreichen - sicher war sicher. Darüber hinaus habe ich ihm Arnika-Globuli gegeben, um gegen den Bluterguss vorzugehen und um die Wundheilung zu unterstützen. Zur Förderung des Knochenaufbaus erhielt er täglich Korvimin.

Nach kurzer Zeit stellte Lenny das Beinchen schon richtig auf, hüpfte freudig in seinem neuen Domizil herum. Eine Halskrause war nicht nötig, er knabberte nicht an der Wunde oder am Fixateur. Das war einfach fabelhaft, ich wollte ihn nicht noch mit so einem "Ding" belasten. Man konnte wirklich täglich Besserungen erkennen. Der Kleine war geradezu unglaublich tapfer. Der Tierarzt war bei der Zwischenuntersuchung einfach nur begeistert.

Das Ganze hielten wir acht Wochen durch, dann stand erneut ein Operationstermin für die Entfernung dieses Fixateurs an. Dabei war wieder eine kurze Narkose nötig, schließlich war der Draht schon recht festgewachsen. Aber auch dieser Eingriff klappte ohne Komplikationen. Allerdings merkte man deutlich, dass anschließend die gewohnte Stütze fehlte, Lenny musste sich erst daran gewöhnen, ohne den Fixateur zu stehen. Nach der Abheilung der Wunden wusste ich, dass sein Leben endlich beginnen konnte.

Hier einige Bilder von der Heilungsphase:

Bein mit Fixateur   Patient Lenny

Lenny während der Heilungsphase

Lenny nach dem Entfernen des Fixateurs

Lenny setzte tatsächlich sein Beinchen perfekt ein, die Zehen blieben sogar in der richtigen Position. Baumwollstangen sind ihm am angenehmsten, mit dünneren Stangen hat er ein wenig Probleme, weil er eben nicht richtig zugreifen kann. Klettern ist auch kein Problem - naja... fliegen musste er noch ein bisschen üben.

Lenny und BonnyAber dafür hatte er eine Partnerin, die ihn ständig animierte. Seine geliebte Bonny hatte leider nicht so viel Glück in ihrem Leben und durch einen Unfall ihr Beinchen verloren. Aber auch sie kommt sehr gut zurecht und die Beiden genießen so richtig ihr neues Leben im großen Schwarm. Eigentlich kann man sagen: Sie strotzen vor Übermut und Glück.

Im Nachhinein muss ich zugeben: Die Operation hat sich absolut gelohnt. Es war eine perfekte Arbeit von diesem Tierarzt und ich kann ihn wirklich nur empfehlen. Er hat Lenny zu einem glücklichen Leben verholfen und ich bin ihm unsagbar dankbar.

Abschließende Anmerkung der Birds-Online-Autorin: Der Tierarzt, der in diesem Erfahrungsbericht genannt wird, ist Dr. Carlo Manderscheid aus Luxemburg. Ich habe ihn selbst schon kennen gelernt und kann mich dem Urteil von Ina Rinck nur anschließen, dieser Arzt ist sehr kompetent. Hier geht es zu Dr. Manderscheids Internet-Seite Externer Link.

 

 
 
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