Birds Online
     
  Home > Vogelgesundheit > Sonstige Krankheiten > Knochenverhärtung
     
 

Achtung: Das Lesen dieses Birds-Online-Kapitels sollte niemals den Gang zum Tierarzt ersetzen!

Wie es für Wirbeltiere üblich ist, besteht auch das Skelett der Vögel aus Knochen. Im Unterschied zu denen anderer Wirbeltiere verfügen Vogelknochen jedoch über eine abweichende und sehr spezielle Bauweise. Damit die Tiere fliegen können, müssen sie möglichst leicht sein. Die Knochensubstanz ist an sich aber relativ schwer, sodass die Natur einen ausgeklügelten Bauplan hervorgebracht hat, um Vögel mit möglichst wenig Knochengewicht zu belasten: Sie haben Röhrenknochen, die in ihrem Inneren hohl sind und zahlreiche winzige Querverstrebungen aufweisen. Diese erhöhen die Festigkeit und treiben das Eigengewicht des Knochens dabei nur geringfügig in die Höhe.

Röntgenbild eines Vogels ohne KnochenerkrankungBetrachtet man das Röntgenbild eines gesunden Vogels, so sind die Knochen normalerweise nur als schemenhafte, durchscheinende Strukturen zu erkennen. Das Foto rechts zeigt ein Röntgenbild eines Wellensittichs, dessen Knochen keinerlei Veränderungen aufwiesen und der aufgrund einer Magenerkrankung geröntgt worden ist. Unten sind die Beinknochen und oben rechts die nach hinten gestreckten Flügelknochen als zarte Schemen zu erkennen. Auch die Wirbelsäule ist nur ansatzweise zu sehen. Der Brustkorb ist kaum sichtbar und die Wirbelsäule zeigt sich ebenfalls nur schemenhaft. Die Vergrößerung des Drüsenmagens ist hingegen enorm, was in Bezug auf eine eventuelle Knochenerkrankung jedoch nicht von Belang ist.

Wellensittich mit Polyostotischer HyperostoseIn den vergangenen Jahren tritt eine Erkrankung zusehends häufiger bei einer Reihe von Vögeln in Erscheinung, die zu einer Veränderung der Knochendichte führt. Aufgrund eines Östrogenüberschusses lagert der Körper erheblich zu viel Kalzium in den Knochen ab. Sie werden dichter und dichter, bis sie schließlich extrem hart und massiv sind. Hiervon sind vor allem Wellensittichweibchen betroffen, bislang hat die Autorin dieses Textes noch nie von einem männlichen Patienten gehört. Das Foto in diesem Absatz zeigt eine Röntgenaufnahme eines Wellensittichweibchens, dessen Knochen extrem dicht und massiv gewesen sind. Sie sind als grelle, überbelichtete Bereiche auf der Röntgenaufnahme überdeutlich zu erkennen. Insbesondere im Vergleich zur darüber platzierten Röntgenaufnahme fällt der Unterschied zwischen normalen und verhärteten Knochen auf.

In schweren Fällen der Erkrankung bilden sich auf den Knochen kleine Sporne, die in ein Gelenk hinein ragen und dort zu massiven Störungen der Beweglichkeit führen. Grundsätzlich sind die Gelenke der Vögel nicht darauf ausgelegt, derart dichte Knochen miteinander zu verbinden, weshalb die von der Polyostotischen Hyperostose betroffenen Tiere oft zusätzlich an Arthrosen erkranken. Hierunter versteht man degenerative Gelenkerkrankungen. Darüber hinaus kann es vor allem durch mechanische Reizung aufgrund von Knochenspornen zu einer Gelenkentzündung, also einer sogenannten Arthritis, kommen.

Woran erkennt man als Laie einen erkrankten Vogel?
Es ist nicht leicht, die Polyostotische Hyperostose im Anfangsstadium als Laie zu erkennen. Die betroffenen Tiere verhalten sich zu Beginn der Erkrankung völlig normal und werden mit zunehmender Erhöhung der Knochendichte bewegungsunfreudiger. Bei manchen Tieren entwickeln sich Fehlstellungen von Beinen oder Flügeln. Außerdem nehmen die Vögel an Gewicht zu, was jedoch nur dann wahrzunehmen ist, wenn man die Tiere regelmäßig wiegt und zudem abtastet. Ist der Brustbeinkamm unverändert zu spüren und steigt das Gewicht eines Vogels über Wochen oder Monate hin langsam um einige Gramm, könnte dies ein Indiz für eine zu starke Mineralisierung der Knochen sein.

Betroffene Wellensittichweibchen weisen einen enormen Östrogenüberschuss auf und wirken deshalb auf ihre männlichen Schwarmgefährten unwiderstehlich. So manches Weibchen wird von den Männchen ständig bedrängt. Woran die Männchen den sehr hohen Östrogenspiegel erkennen, ist nicht restlos geklärt, denn an der dunkelbraunen Wachshautfärbung allein scheint es nicht zu liegen. Möglicherweise verströmen die Weibchen einen bestimmten Geruch, der die Männchen anlockt. Weibchen, die in normaler Brutstimmung sind und keinen extrem überhöhten Östrogenwert aufweisen, werden zwar ebenfalls mit viel Aufmerksamkeit bedacht, jedoch nicht so arg bedrängt wie jene Artgenossinnen, deren Hormonhaushalt gestört ist. Wer beobachtet, dass ein Wellensittichweibchen wieder und wieder von Männchen bedrängt wird und sich zudem nicht mehr so viel wie zuvor bewegt, der sollte einen fachkundigen Tierarzt zu Rate ziehen.

Wie wird die Polyostotische Hyperostose diagnostiziert?
Die Knochenverhärtung lässt sich durch das Anfertigen einer Röntgenaufnahme leicht nachweisen, sofern sie bereits zu einer Verdichtung des Knochenmaterials geführt hat. Ein fachkundiger Tierarzt wird die Erkrankung sofort erkennen.

Wodurch entsteht die Krankheit?
Es ist schwer zu sagen, wodurch die Erkrankung hervorgerufen wird. Fehler in der Haltung und Ernährung sind sehr wahrscheinlich keine auslösenden Faktoren. Mir gegenüber hat ein fachkundiger Tierarzt die Vermutung geäußert, dass diese Knochenerkrankung unter Umständen eine direkte Folge der extremen Zuchtbedingungen unter Wellensittichen sein könnte. Auffällig ist, dass vor allem melaninarme Farbschläge betroffen sind und die meisten erkrankten Vögel sind zudem Standardsittiche, also große Ausstellungsvögel.

Denkbar wäre es, dass bei der gezielten Zucht jener speziellen Farbschläge unbeabsichtigt bestimmte genetische Eigenschaften gefördert werden, die zunächst zu einer Hormonstörung führen, wodurch der Östrogenspiegel über alle Maßen steigt. Dadurch wiederum erhöht sich die Knochendichte und die Vögel erkranken an der Polyostotischen Hyperostose.

Im Übrigen ist die Krankheit bislang nicht in medizinischen Fachbüchern vermerkt und auch der in diesem Kapitel verwendete Name ist keineswegs offiziell. Manche Tierärzte bezeichnen die Krankheit ganz einfach als "harte Knochen", andere als "übermäßige Mineralisierung der Knochen". Allein schon die Tatsache, dass die Erkrankung bisher keinen offiziellen Namen trägt, lässt erkennen, dass sie noch weitestgehend unerforscht ist.

Erleiden die betroffenen Vögel Schmerzen?
Sehr wahrscheinlich spüren die erkrankten Vögel im Anfangsstadium keine Schmerzen. Je mehr die Knochen verhärten und je stärker die Gelenke belastet werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Tiere Schmerzen empfinden. Hat erst einmal eine Arthrose eingesetzt oder sind die Gelenke gar entzündet, leiden die Tiere unter starken Schmerzen. Dies ist unter anderem daran zu erkennen, dass sie nicht mehr fliegen wollen. Viele Vögel liegen in Schonhaltung bäuchlings auf einer glatten Unterlage und laufen nicht mehr, wenn sie es nicht unbedingt müssen. Mitunter sind stöhnende oder ächzende Laute zu hören, wenn sich die Tiere bewegen. Vermutlich geben sie diese Geräusche infolge ihrer Schmerzen von sich.

Wie kann man die Krankheit behandeln?
Leider bestehen kaum Heilungschancen und eine Behandlung ist schwierig. Man kann allenfalls das Fortschreiten der Knochenverhärtung verlangsamen, aber eine komplette Wiederherstellung der normalen Knochendichte lässt sich normalerweise nicht erzielen.

Eine gängige Methode der Behandlung besteht darin, den Vögeln Hormone zu verabreichen, um den Östrogenhaushalt zu normalisieren. Darüber hinaus werden die Tiere vorübergehend mit einem Schmerzmittel, zum Beispiel Metacam, versorgt.

Tweety leidet an Polyostotischer HyperostoseDie Birds-Online-Leserin Jana Gleis hat sehr gute Erfahrungen mit dem Trinkwasserzusatz Complexamin gemacht. Sie gibt ihrem an der Polyostotischen Hyperostose erkrankten Vogel Tweety alle zwei Tage einen Tropfen dieses Präparates ins Trinkwasser. Normalerweise sollte das Mittel nur kurweise verabreicht werden, weshalb Jana eine einmonatige Pause machen wollte. Doch nach nur einer Woche konnte Tweety nicht mehr richtig sitzen, ließ den Fuß hängen und hatte Schwierigkeiten mit dem Fliegen. Als Jana die Behandlung mit Complexamin fortsetzte, ging es dem Vogel sofort wieder besser. "Sicher verzögert sich der Krankheitsverlauf nur, aber solange sie so unbeschwert und ohne Schmerzen lebt, werde ich weiterhin das Vitamin verfüttern", so das Fazit der Vogelhalterin, die diesen Tipp an dieser Stelle gern weitergeben möchte. Das Foto in diesem Abschnitt zeigt das Wellensittichweibchen Tweety.

Obwohl manche Präparate in Einzelfällen hilfreich sein können, sollte man als Vogelhalter dennoch immer objektiv bleiben und sich nichts vormachen. Über kurz oder lang ist bei dieser Erkrankung bedauerlicherweise ein Punkt erreicht, an dem sich ein betroffenes Tier nur noch quält. Es ist wichtig, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen und entsprechend zu handeln. Das Einschläfern bewahrt den Vogel vor unsäglichen Qualen, die sogar mit einer hohen Dosis eines Schmerzmittels nicht zu lindern sind.

Meine Erfahrungen mit der Erkrankung
Leider habe ich selbst einen Vogel einschläfern lassen müssen, der an der Polyostotischen Hyperostose erkrankt war. Baydas Krankengeschichte ist hier als Erfahrungsbericht nachzulesen. Darüber hinaus haben einige weitere Vogelhalter Erfahrungsberichte verfasst, die Sie über die Navigationsleiste auf der linken Seite dieses Kapitels aufrufen können.

 

 
 
Sämtliche Inhalte und Abbildungen auf dieser Seite sind urheberrechtlich geschützt. Bilder-, Video-, Tondatei- und Textdiebstahl werden rechtlich verfolgt.