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Achtung: Das Lesen dieses Birds-Online-Kapitels sollte niemals den Gang zum Tierarzt ersetzen!

Wellensittich auf GritsteinIn Bezug auf Wellensittiche ist vor allem in Internetforen häufig die Rede von einem sogenannten Sandmagen. Eine übermäßige Aufnahme von Sand und Grit soll angeblich dazu führen, dass sich die Steinchen im Magen des Vogels ansammeln, das Tier letztlich verhungert und stirbt. Deshalb warnen sogar manche Ratgeber davor, Sand in den Käfig zu streuen und raten pauschal davon ab, Grit zu reichen.

Wer diese Ratschläge befolgt und konsequent darauf verzichtet, seinen Vögeln Sand und Grit anzubieten, mag dadurch zwar die Entstehung eines Sandmagens verhindern. Allerdings riskiert er, dass seine Tiere an schweren Verdauungsstörungen zu leiden beginnen, die mit der Zeit tödlich verlaufen. Wellensittiche und andere Vögel benötigen kleine Magensteine, also Grit und/oder Sand, um ihre Nahrung zu verdauen (siehe entsprechendes Anatomie-Kapitel). Besteht für sie keine Möglichkeit, solche Steinchen aufzunehmen, führt dies auf die Dauer unweigerlich zu schweren Erkrankungen des Muskelmagens und damit zu lebensbedrohlichen Verdauungsstörungen.

Anstatt blindlings auf die oben geschilderten Warnhinweise zu vertrauen, sollte man das Thema "Sandmagen" lieber einmal grundlegend überdenken und sachlich betrachten. Hierfür hilft ein Blick auf das Verhalten wild lebender Wellensittiche in ihrer australischen Heimat. Außerdem sollte man sich vor Augen führen, welche Selbsthilfemaßnahmen ein Vogel instinktiv ergreift, wenn er spürt, dass sein Verdauungsapparat nicht reibungsfrei arbeitet.

Woran es ein Vogel feststellt, dass seine Verdauung nicht optimal funktioniert, darüber können wir nur spekulieren. Da Vögel als empfindsame Lebewesen sehr wahrscheinlich dazu in der Lage sind, Schmerzen und Unwohlsein zu spüren, signalisiert ihnen vermutlich ein Druckgefühl oder ein "Magengrummeln", dass ihre Verdauung gestört ist. Befinden sich zu wenige Magensteine in ihrem Drüsenmagen, liegt ihnen die Nahrung sicherlich ähnlich "schwer im Magen" wie uns Menschen zu fettiges Essen. Ihr Instinkt sagt den Vögeln, dass sie sich Linderung verschaffen können, indem sie die Verdauung unterstützen - und dazu benötigen sie Magensteine. Folglich werden die Tiere instinktiv Grit und/oder Sand schlucken, um sich selbst zu helfen.

Leider weiß ein Vogel nicht, ob ihm tatsächlich einfach nur Magensteine fehlen oder ob sich in seinem Verdauungstrakt ein Krankheitserreger ausgebreitet hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach verursachen die meisten Magen-Darm-Erkrankungen ähnliche unangenehme Empfindungen wie "schwer im Magen" liegende Nahrung. Aus diesem Grunde nehmen Vögel, die zum Beispiel an einer Pilzinfektion oder einer bakteriellen Infektion des Verdauungstraktes (Kropf, Magen, Darm) leiden, meist vermehrt Sand und/oder Grit auf.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Nicht der Grit und der Sand führen zum Sandmagen, denn ein gesunder Vogel, der kein unangenehmes "Bauchgefühl" verspürt, wird wohl eher nicht zu viele Magensteine in sich hinein schlingen, denn das widerspräche seinem natürlichen Instinkt, nur so viele Steinchen wie nötig zu schlucken. Warum aber wird so häufig behauptet, dass Sand und Grit einen Vogel krank werden lassen können? Ganz einfach: Hier werden Ursache und Wirkung verwechselt. Nicht der Sand und der Grit sind die eigentliche Ursache, sie sind die Wirkung und lenken sehr häufig den Blick von dem ab, was den Vogel in Wahrheit krank macht! Dies können neben Bakterien und Pilzen auch verschluckte Fremdkörper, Parasiten wie Spulwürmer oder Trichomonaden, Vergiftungen oder Tumorerkrankungen sein.

Betrachtet man nun ergänzend wild lebender Wellensittiche, so fällt auf, dass diese Vögel in einer Umwelt vorkommen, in der es von Sand und kleinen Steinchen nur so wimmelt. Wellensittiche haben sich vor vielen Millionen Jahren aus ihren Urahnen entwickelt und sind perfekt an ihre Umgebung angepasst. Würden sie tatsächlich an einem "Programmierfehler" leiden und dazu neigen, ständig zu viele Magensteinchen zu schlucken, wären sie im Laufe der Zeit längst wegen "kollektiven Sandmagens" ausgestorben, um es überspitzt zu formulieren.

Sicherlich würden Untersuchungen an verstorbenen wilden Wellensittichen zuweilen auch einen Sandmagen zu Tage fördern, der aufgrund einer ernsthaften Erkrankung des Verdauungstraktes aus den oben beschriebenen Gründen entstanden ist. Dies entspräche damit dem Bild, das sich bei domestizierten, also im Haus gehaltenen Wellensittichen bietet.

Ich selbst habe bereits einige verstorbene Vögel untersuchen lassen, um die jeweilige Todesursache zu klären. Die meisten Vögel waren an einem Tumor oder einer Herz-Kreislauf-Erkrankung gestorben. Bei keinem dieser Vögel wurde ein Sandmagen festgestellt. Ein Vogel, der als einziger aufgrund eines Drüsenmagentumors gestorben war, hatte hingegen Unmengen Grit und Sand gefressen. Der Tierarzt teilte meine Ansicht, dass sich das Tier in seiner Not selbst helfen und die Verdauung unterstützen wollte, indem es vermehrt Sand und Grit gefressen hat. Woher hätte der Vogel wissen sollen, dass er in Wahrheit an einer tumorösen Veränderung des Magens litt?

Aufgrund der in diesem Kapitel geschilderten Zusammenhänge halte ich es für nicht ratsam, Wellensittichen und anderen Ziervögeln Grit und Sand vollständig und dauerhaft zu entziehen, um dem Entstehen eines Sandmagens vorzubeugen. Viel mehr sollte man den Vögeln immer zumindest Grit zur Verfügung stellen, damit ihre Verdauung optimal laufen kann. Sobald man ein Tier dabei beobachtet, wie es vermehrt Grit und/oder Sand zu sich nimmt, sollte man es sicherheitshalber einem Tierarzt vorstellen und auf eine irgendwie geartete Erkrankung des Verdauungstraktes untersuchen lassen (Abstriche, Kotproben, Röntgenuntersuchung, etc.).

Findet der Arzt die eigentliche Ursache für die Verdauungsbeschwerden des Vogels heraus und ist sie therapierbar, kann man in Absprache mit dem Mediziner vorübergehend Sand und Grit entfernen, bis sich das Fressverhalten des Vogels nach der Abheilung wieder normalisiert hat.

 
 
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