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Achtung: Das Lesen dieses Birds-Online-Kapitels sollte niemals den Gang zum Tierarzt ersetzen!

Ein Erfahrungsbericht von Isolde Aufschläger

Flo Es ist eine traurige Geschichte, die ich über das lebenswichtige Spurenelement Zink zu erzählen weiß. Denn leider kommt Zink nicht nur als Spurenelement, sondern auch als anorganisches Schwermetall in nahezu allen Bereichen unseres Lebens vor. Und damit ist es eine unterschätzte und tödliche Gefahr für unsere kleinen gefiederten Freunde.

Es begann Mitte März, als nach einem schweren Verlust ein kleiner, grauer Wellensittichmann unser Leben bereichern sollte. Flöchen (ohne H), so sein Name, stammt aus vorbildlicher Haltung, und viele Eingangsuntersuchungen wie die auf PBFD konnte ich mir sparen, da seine Vorbesitzerin diese veranlasst hatte. Die Grunduntersuchung verlief negativ - also für uns positiv - sodass die Ampel für Flo auf grün und die Sonne fröhlich am Himmel stand.

Nach drei Tagen ging es Flo plötzlich sehr schlecht. Er würgte und war schlapp. Er fraß zwar, aber ich machte mir Sorgen - Umzugsstress, ja! Aber das war eindeutig ein kranker Vogel! Also brachten wir ihn schweren Herzens innerhalb von drei Tagen zum zweiten Mal in die 125 Kilometer entferne Vogelklinik. Es war ein Donnerstag, ich weiß es noch.

Am Freitag lagen bereits die ersten Ergebnisse des Blutbildes vor. Leukozyten normal, Hämatokrit ein wenig niedrig: Anzeichen für eine chronische Vergiftung. Ich war erstmal perplex - er war doch nur drei Tage bei uns! Am folgenden Montag wurde dann die Diagnose "Zinkvergiftung" gestellt. Und damit begann für alle Beteiligten eine Odyssee.

Der Zinkgehalt im Blut wird unterschiedlich gemessen, mal in ppm (parts per million), mal in mg/l, mal in mikromol/l. In Mikromol ausgedrückt, liegt der normale Wert etwa bei 38, je nach Labor. Flo wog 39 Gramm. Sein Zinkwert war 144 Mikromol/l. Er war praktisch tot.

Flo und seine FreundeAber mein Flo ist ein Kämpfer, und an dieser Stelle gilt mein ganzer Dank den Ärzten in der Vogelklinik der Ludwig-Maximilians-Universität in München, die drei Wochen um das Leben meines totgesagten kleinen Vogelmannes kämpften. Er wurde sofort (ab Sonntag bereits) mit Calcium EDTA behandelt, einem Komplexbildner.

Zink kann wie alle anderen Schwermetalle nicht einfach ausgeschieden werden, solang es in seiner freien Form als Zn-Ionen vorliegt. Calcium EDTA bindet das Zink, sodass der Vogelkörper es ausscheiden kann. Leider kann man Calcium EDTA nicht unbegrenzt spritzen. Denn auch "gute" Stoffe werden dadurch gebunden. Gleichzeitig wurden stabilisierende Medikamente für die Schleimhäute sowie Vitaminpräparate verabreicht.

Die Schleimhautheilung ist besonders wichtig, denn neben dem giftigen Zink stellt Zinkchlorid ein großes Problem dar. Dabei handelt es sich um eine höchst ätzende Substanz, die die Schleimhaut angreift. Zinkchlorid (ZnCl2) entsteht im Vogelmagen, wenn Zink mit der dort vorhandenen Magensäure reagiert.

Während Flo also um sein Leben kämpfte, kämpfte ich an der Recherchefront. Und dabei stieß ich auch ein paar beunruhigende Fakten.

  1. Unverzinkte Käfige sind selten.
    Meistens rührt die Vergiftung von verzinktem Volierendraht oder verzinkten Käfigen, die gern als verchromt ausgegeben werden. Selbst pulverbeschichtete Käfige sind nicht sicher. Sie enthalten zwar kein Zink, das der günstigste und in dieser Klasse effektivste Rostschutz ist, in direkter Form. Allerdings wird den meisten Pulverbeschichtungen Zink beigemengt, um sie widerstandsfähiger zu machen.
  2. Zink ist überall
    Zink ist wirklich überall. Im Plastik, in Papiertüchern, im Klopapier. Wer sich mit einem Messingkäfig sicher fühlt, ist schlecht beraten. Messing ist eine Zinklegierung, die in der Regel 37% Zink enthält. Zum gefährlichen Zink kommt dann aber noch Kupfer. Im Vogelmagen entsteht so nicht nur das ätzende ZnCl2, sondern auch das ebenso gefährlich Kupferchlorid.
  3. Zink im Trinkwasser?
    Ja. Seit einigen Jahren gibt es keinen Richtwert mehr für Zink im Trinkwasser. Für Menschen ist Zink relativ unbedenklich, natürlich in Abhängigkeit von der Menge. Aber für ein Vögelchen ...?

    Flos VoliereMeine Recherche bei den Stadtwerken ergab Folgendes: In den städtischen Brunnenanlagen der Stadt Regensburg ist der Zinkgehalt geringer als die Empfindlichkeit der Messung. Also quasi nicht vorhanden ( < 0,01 mg/l). Aber das Wasser muss ja auch irgendwie in unsere Wohnung gelangen. Und da liegt das Problem: Da Bleirohre aufgrund der Gefährlichkeit nicht mehr verwendet werden, sind viel Rohre verzinkt, vermessingt oder verkupfert. Im Winter, bei viel Salzgehalt, oder auch bei sogenanntem Stagnationswasser (wenn das Wasser in der Leitung steht), lösen sich aus der Zinkbeschichtung der Rohre zweckgemäß Zink-Ionen. Und gelangen damit in unser Trinkwasser. Für Menschen ist das in der Regel völlig unbedenklich. Eine Analyse des Trinkwassers kann trotzdem überraschende Ergebnisse bringen.

    Ich machte ein Labor ausfindig (wichtig: Ein akkreditiertes Umweltlabor wählen!) und gab einige Proben unseres Leitungswassers ab. Diese unterschieden sich in das schon erwähnte Stagnationswasser (Entnahme morgens, nachdem das Wasser über Nacht in der Leitung "stagniert" hatte) und Fließwasser (mind. 5 Minuten gelaufen), das ich gegen Mittag nach diversen zweckmäßigen Duschorgien entnahm.

    Das Ergebnis kam fünf Tage später: In der Stagnationsprobe fanden sich 0,15 mg/l, in der Fließwasserprobe 0,03 mg/l. Damit war bewiesen, dass das Zink auf dem Weg vom städtischen Brunnen zu uns irgendwo war. Nach einigen Rechnereien mit Hilfe des Laborleiters war aber schnell klar, dass Flo in den drei Tagen rund 20 Liter Wasser hätte trinken müssen, um den vorliegenden Wert zu bekommen!

    Ich war also keinen Schritt weiter. Allerdings gebe ich seitdem nur ausgewählte Mineralwassersorten. Ich bin in der privilegierten Stellung, auf diverse Laborwerte der Trinkwasserabfüller zugreifen zu können, und habe darum Wasser OHNE Zink und mit wenig natürlicher Kohlensäure gewählt. Die Herstellerangaben, die ich erfragt hatte, waren in Ordnung.

    Dann folgte der Käfigumbau. Auch beim Hersteller des Käfigs hatte ich natürlich angefragt. Eisen pulverbeschichtet, kein Zink. Das war mir nicht genug. Wir bauten einen größeren Käfig, an dem jedes Schräubchen, jede Beilagscheibe, jeder Haken aus Edelstahl ist. Der Draht ist ein wenig teurer. Aber die Behandlung einer Zinkvergiftung, wenn sie denn überhaupt möglich ist, ist ca. vier Mal so teuer.

    In diesem Zusammenhang: In Baumärkten wird fast nur Zink angeboten. Es ist günstig und als Rostschutz mehr als effektiv. Aber fragt nach. Es gibt fast alles auch in Edelstahl; dabei auf die Auszeichnung "Rostfrei - Stainless Steel" oder "V2A" achten.

  4. Der Fußring
    Man glaubt es kaum - aber auch die Fußringe können unterschiedliche Konzentrationen an Zink enthalten. Wir haben Flos Ring entfernen lassen.

Flo und JogoWir hatten also unser Möglichstes getan. Nach 18 Tagen holten wir Flo nach Hause. Ich erkannte den kleinen Mann nicht wieder. Er war lebendig und aufgeweckt, und sein Gefieder wunderschön. Er lebte sich wunderbar ein und es ging ihm sehr gut.

Wir gaben homöopathische und pflanzliche Mittel zur Unterstützung der Leber- und Nierenfunktion. Das Röntgen hatte ergeben, dass er nichts verschluckt hatte, aber dass die inneren Organe durch die Vergiftung stark geschädigt waren. Die Ärzte meinten, ich solle ein akutes Nierenversagen in 14 Tagen in Betracht ziehen. Es vergingen 14 Tage, und es vergingen 21 Tage. Zeit zur Nachuntersuchung.

Flo und JogoIch nahm meinen Jogo mit, als "Referenz". Ich wollte ja wissen, ob es wirklich vom Käfig kam! Das Ergebnis: Beide Werte waren erhöht. Allerdings nur leicht. Bei Flo kann es daran gelegen haben, dass der hohe Wert noch nicht ganz abgebaut war.

Bei Jogo - nun, er kommt aus dem Tierheim, ich weiß es nicht. Jedenfalls war der Wert nicht beunruhigend, aber doch erhöht. Diesmal behandelten wir zu Hause, mit einem Präparat namens Dimaval. Es wird normalerweise bei Amalgamvergiftungen beim Menschen eingesetzt, die Vogelklinik hatte aber gute Erfahrungen damit gemacht. Calcium EDTA darf laut Vogelklinik nicht mehr verwendet werden. Nach drei Wochen wieder Blutentnahme. Der Wert war endlich normal. Wir behandelten weiter mit Homöopathika und Mariendistel für die Leber.

Das alles ist jetzt vier Monate her. Kein Nierenversagen. Keine Mauserprobleme mehr. Keine Lethargie mehr bei Flo. Er ist ein gesunder, glücklicher und im Moment schwer verliebter kleiner Vogel, voller Neugier und Tatendrang. Wir hatten so wahnsinnig viel Glück.

Doch warum sind Zinkvergiftungen so selten?

Ganz einfach: Sie sind es nicht.

"Meine" Vogelklinik testet bei undefinierten Symptomen immer auf Zink. Im Wartezimmer sitzt immer mindestens ein Patient mit Zink. Bei der letzten Nachuntersuchung trafen wir auf einen Kakadu. Die Besitzerin meinte, der große Vogel hatte einen absolut lebensbedrohlichen Wert von 77 mikromol/l. 77 mikromol? Das ist ungefähr die Hälfte dessen, was mein kleiner Flo mit seinen 39 Gramm im Blut hatte!

Es ist ein Problem, auf Zink zu testen. Flo war auch mit der Vorbesitzerin aufgrund seiner Mauserschwierigkeiten und seiner Lethargie mehrfach untersucht worden. Aber nie auf Zink. Für viele Vogelkliniken und Tierärzte gehört diese Untersuchung nicht zum Standard. Viele Tierärzte haben zudem keine technische Möglichkeit dazu.

Um den Zinkwert zu bestimmen, muss Blut abgenommen werden. Ein Wellensittich hat drei Milliliter Blut. Die dickste Vene am Hals, aus der Blut genommen wird, hat einen Durchmesser von nur einem Millimeter. Es ist also alles nicht so einfach.

Heute leben wir fast normal, doch die Angst vor dem Zink ist noch da. Ein Routinecheck ist wegen der Blutabnahme auch nicht ohne weiteres möglich.

Die Frage, die sich mancher Vogelhalter jetzt stellen mag, ist sicherlich: Wie erkenne ich eine Zinkvergiftung?

Ich kann nur sagen: Gar nicht.

Federrupfer oder Vogel mit Zinkvergiftung? Es kann aussehen wie Trichomonaden. Es kann aussehen wie Durchfall. Es kann aussehen wie Nierenversagen oder Megabakteriose. Die Symptome sind einfach so unterschiedlich. Wenn allerdings ein Vogel offensichtlich krank ist und die beste Diagnose kein Ergebnis bringt, rate ich jedem zu einer Zinkuntersuchung. Hinweise können sein: Gefiederstörungen und Rupfen. Anscheinend verursacht vor allem eine schleichende, also sich über Jahre anreichernde Zinkvergiftung (Zink wird ja im Körper nicht abgebaut) einen immensen Juckreiz, sodass viele Vögel mit Zinkvergiftungen, die keine akuten Symptome wie Erbrechen oder Durchfall zeigen, zu Federrupfern werden, siehe Beispielfoto rechts.

Es gibt soviel über Zink zu sagen, und noch so wenig Erkenntnisse. Es werden dringen Doktoranden gesucht, die sich mit den Auswirkungen von Zink auf Vögel beschäftigen!

Ich weiß nur eines: Nur kein Zink ist guter Zink. Und gesunden Zink nehmen die Vögel bei einer ausgewogenen und gesunden Ernährung von alleine auf. Flo lebt und es geht ihm im Moment sehr gut. In einigen Monaten werden wir ihn nochmals röntgen lassen, um mögliche bleibende Organvergrößerungen aufzuspüren. Seine Nieren scheinen sich erholt zu haben, da sein Gefieder schön ist wie nie. Die Leber scheint ebenso in Ordnung zu sein.

Es ist ein Wunder.

Und noch etwas. Trotz aller Versuche, referenzgetesteter Vögel und Spurensuche - es gelang uns (Flos früherer Besitzerin und mir) nicht, die Quelle der Vergiftung zu finden. Bis heute nicht.

 
 
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