Birds Online
     
  Home > Verhalten > Blutige Kämpfe
     
  Wellensittichweibchen mit KopfwundeViele Vogelhalter gehen davon aus, dass Wellensittiche immer nett und freundlich sind. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn wie die meisten anderen Tiere auch gehen Wellensittiche unter bestimmten Umständen äußerst ruppig miteinander um und fechten erbitterte Kämpfe aus. Zu solchen Auseinandersetzungen, die mitunter sehr blutig sein können, kann es aus unterschiedlichen Gründen kommen. Vogelhalter sollten mit diesen möglichen Auslöser für Konflikte im Idealfall bekannt sein. Denn nur so lassen sich Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, um die eigenen Vögel erst gar nicht in eine gefährliche Situation geraten zu lassen, in der sie aufeinander losgehen. In diesem Kapitel erfahren Sie die häufigsten Gründe für blutige Konflikte zwischen Wellensittichen und natürlich auch, was Sie unternehmen können, falls es doch zum Äußersten kommt.

Abwehr von "Stalkern"
Dem Weibchen ist die Annäherung des Männchens nicht recht und es weicht zurückManche Wellensittiche wünschen sich eine Partnerschaft mit einem Artgenossen, der nicht an einer solchen innigen Beziehung interessiert ist. Auf zarte Annäherungsversuche gehen sie deshalb nicht ein. Die meisten verschmähten Tiere würden sich daraufhin nach einer Alternative umsehen, aber es gibt auch Wellensittiche, die vom Objekt ihrer Begierde nicht ablassen. Wieder und wieder bedrängen sie ihren Wunschpartner und überschreiten dabei häufig die Grenze dessen, was das andere Tier als angemessenen Abstand empfindet. Durch Schnabelhiebe, die anfangs noch mit der stumpfen Seite des Schnabels ausgeteilt werden, versuchen sich die bedrängten Tiere gegen ihre "Stalker" zu wehren. Reicht dies nicht aus, kann es geschehen, dass der bedrängte Vogel sehr aggressiv wird und den zudringlichen Artgenossen blutig beißt.

Wann dieser Moment kommt, lässt sich nicht vorhersagen, weshalb Vogelhalter rechtzeitig für eine räumliche Trennung der beiden Tiere sorgen sollten. Schon bei den ersten Anzeichen wiederholter unerwünschter Annäherungen sollten entsprechende Vorsichtsmaßnahmen eingeleitet werden. Dass die Lage sehr schnell eskalieren kann, verdeutlicht die Geschichte meines früheren Wellensittichmännchens Torben.  

Zwei Männchen streiten um ein Weibchen
Noch vor wenigen Jahrzehnten berichtete die Fachliteratur über Wellensittiche, dass die Vögel monogam sind, also in einer treuen Einehe leben. Dies entspricht jedoch keineswegs der Wahrheit. Wellensittiche, die in einem Schwarm gehalten werden, tauschen mitunter ihren Partner gegen einen anderen Vogel. Oft geschieht dies, wenn ein Männchen sich in die Beziehung eines Paares einmischt und versucht, das Weibchen für sich zu gewinnen.

Zwei kämpfende HähneIn aller Regel kommt es zu einem Kräftemessen zwischen den beiden Männchen, das meist in unmittelbarer Nähe des Weibchens ausgetragen wird. Zunächst nehmen die beiden Kontrahenten die Drohstellung ein und hüpfen selbstbewusst auf den Gegner zu. Fühlt sich einer der Vögel unterlegen, kann es sein, dass er dann schon den Rückzug antritt, siehe Film: bitte hier klicken; siehe Videostandbild rechts). Ergreift jedoch keiner der Kontrahenten die Flucht, stellen sich die beiden Männchen in geringer Entfernung voneinander auf und geben drohende Geräusche von sich oder zucken drohend mit den Flügeln. Als nächstes kann gegenseitiges Treten gegen Bauch und Brust als Kräftemessen oder als Dominanzgeste folgen, was jedoch nicht immer der Fall ist.

Weicht weiterhin keiner der Kontrahenten zurück, gehen die Vögel mit geöffneten Schnäbeln aufeinander los, flattern umher und greifen eventuell auch mit einem Fuß ins Gefieder des Kontrahenten. Während sie sich auf diese Weise streiten, rollen sie meist über den Untergrund, auf dem sie zuvor gestanden haben. Beliebt ist es, mit dem Fuß einen Flügel des Kontrahenten zu fixieren, damit dieser die Schwinge nicht mehr zum Abwehren einsetzen kann. Genau dazu dienen die Flügel nämlich im Kampf oft. Die Tiere drehen sich geschickt und schieben mit kräftigen Flügelschlägen den Gegner von sich.

Der folgende Film zeigt einen solchen Kampf, bei dem der dunkelgrüne Vogel versucht, dem hellgrünen Männchen das graue Weibchen auszuspannen: bitte hier klicken. Wem das Ganze zu schnell geht, der sieht die Szene auf dem Bild unter diesem Absatz in einer Zeitlupen-Animation. Der Film und die Zeitlupen-Animation zeigen deutlich, dass Wellensittiche nicht zimperlich miteinander umgehen. Die meisten Schnabelhiebe zielen auf den Kopf des Gegners. Auch in die Beine und Füße wird heftig gebissen, weil diese besonders empfindlich sind, denn sie sind nicht durch ein dichtes Federkleid geschützt. Und es ist zu sehen, wie geschickt die Flügel als Rammböcke zum Einsatz kommen und den Kontrahenten zurückdrängen können.

Kampf zwischen zwei Wellensittichmännchen in Zeitlupe
Kampf zwischen zwei Wellensittichmännchen in Zeitlupe

Dieses Wellensittichmännchen ist vom Kampf mit einem Artgenossen gezeichnet und hat eine Wunde am Schnabel davongetragenBeobachtet man als Vogelhalter solche sehr aggressiven Kämpfe, sollte man eingreifen und die Kontrahenten trennen. Oft ist es nicht leicht, weil sie sich ineinander verbissen haben und auch die Hand des Vogelhalters übel zurichten, wenn man nicht aufpasst. In schweren Fällen hilft nur eine Ablenkung, um die Vögel zu trennen. Es hat sich bewährt, sie mit ein wenig Wasser zu beträufeln. Meist lassen sie dann sofort von einander ab. Gehen die Vögel innerhalb kürzester Zeit erneut aufeinander los, sollten die Tiere vorübergehend räumlich getrennt werden.

In sehr extremen Fällen kann es sogar erforderlich sein, von einem Tierarzt eine Hormonbehandlung durchführen zu lassen, damit durch das Sinken des Testosteronspiegels im Blut auch der Hang zur Kampfbereitschaft reduziert wird. Der Einsatz von Hormonen ist allerdings umstritten, weil er Nebenwirkungen wie Organschäden mit sich bringen kann. Es ist besser, es zunächst mit der Verkürzung der Tageslichtdauer zu versuchen. Wieso diese Maßnahme helfen kann, erfahren Sie im Kapitel über einen übermäßig stark ausgeprägten Sexualtrieb der Wellensittiche.

Zwei Weibchen, die um ein Männchen streiten
Nicht nur Wellensittichmännchen streiten zuweilen um eine potenzielle Partnerin. Auch die Weibchen können gegenüber ihresgleichen extrem aggressiv werden, wenn es darum geht, ihren gewünschten Partner für sich zu gewinnen oder gegen eine aufdringliche Kontrahentin zu verteidigen. Die Kämpfe laufen genauso ab, wie es weiter oben für zwei Männchen beschrieben wurde. Um solche Kämpfe zu beenden oder zu vermeiden, sollte man wie oben beschrieben vorgehen.

Zwei Weibchen, die um einen Nistplatz streiten
Dieses Wellensittichweibchen hat bei einem heftigen Kampf eine Verletzung des Unterschnabels erlittenStreiten zwei Weibchen um einen Nistplatz, dann fließt in aller Regel garantiert Blut. Der Fortpflanzungstrieb ist so stark, dass die Hennen aufs Ganze gehen und in fast allen Fällen die Konfrontation suchen. Besonders häufig kommt es zu schweren Kopf- und Augenverletzungen sowie Quetschungen und Blutungen an den Füßen; auch abgebissene Zehen sind keine Seltenheit.

Weil Wellensittichweibchen untereinander nicht zimperlich sind, wenn sie in Brutstimmung geraten und um eine Nistgelegenheit konkurrieren, sollte man aus Sicherheitsgründen auf eine sogenannte Koloniebrut verzichten und lieber die einzelnen Brutpaare vom Rest des Schwarms separieren. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie hier.

Ein Vogel verteidigt sein Gelege oder seine Jungtiere
Die bereits erwähnte Koloniebrut kann dazu führen, dass eine Henne, die entweder selbst keinen Partner hat und nicht brütet oder aber die ihr Gelege verloren hat, extrem aggressiv gegenüber anderen brütenden Weibchen wird. Solche Hennen klettern in den Nistkasten einer brütenden Artgenossin und versuchen deren Gelege zu zerstören oder die Jungtiere tot zu beißen. Die Henne, deren Nest angegriffen wird, duldet dies freilich nicht und verteidigt vehement ihren Nistplatz und ihre Nachkommen.

In einem solchen Kampf geht es um Leben oder Tod des Nachwuchses, weshalb er mit aller Härte geführt wird. Schwerste Verletzungen - meist mit Todesfolge bei mindestens einem der Weibchen - sind hierbei die Regel. Dies ist ein weiterer Grund, von einer Kolonie- oder Gruppenbrut abzusehen. Gegen derlei aggressives Verhalten hilft nur das Separieren der brütenden Paare, sodass sie außerhalb der Reichweite ihrer Artgenossen sind.

Ein geschwächtes oder krankes Schwarmmitglied wird attackiert
Eine weitere typische Situation, in der heftige Kämpfe und äußerst aggressive Angriffe stattfinden können, erscheint vielen Menschen moralisch verwerflich, aber Wellensittiche leben frei von Moralvorstellungen, für sie gibt es kein Gut und Böse. Ist ein Schwarmmitglied krank, so kann es vorkommen, dass es von seinen Artgenossen attackiert und schwer verletzt wird. Sogar Vögel, die zuvor bestens mit dem geschwächten Artgenossen harmoniert haben, können plötzlich ein solches Verhalten an den Tag legen. Leider kommt es zuweilen sogar vor, dass ein Wellensittich einen kranken Artgenossen so lange beißt, bis dieser tot ist.

Der Grund dafür ist, dass in freier Natur kranke und schwache Individuen die Blicke von Fressfeinden auf sich ziehen. Wer sich in der Nähe schwächelnder Artgenossen befindet, ist somit ebenfalls in Gefahr. Deshalb werden kranke Individuen oftmals vehement attackiert und sie verlassen die Gruppe oder den Schwarm, sofern sie dazu noch genügend Kraft haben. In menschlicher Obhut ist ein solcher Rückzug für die kranken Vögel nicht möglich, weshalb sie von ihren Artgenossen wieder und wieder attackiert werden.

Verhindern lässt sich dies nur, indem der geschwächte Vogel von seinen Gefährten separiert wird, bis er wieder zu Kräften gekommen ist. Abgewöhnen kann man den Wellensittichen die beschriebene Verhaltensweise nicht, denn sie ist ihnen angeboren.

Glücklicherweise tritt diese brutale Verhaltensweise bei im Haus gehaltenen Wellensittichen nicht allzu häufig in Erscheinung und es gibt unter ihnen sogar einige Individuen, die sich im Krankheitsfall rührend um einen schwachen Artgenossen kümmern und ihn sogar gegen andere Wellensittiche verteidigen.

Es ist unbedingt erforderlich, jede Situation als Einzelfall individuell zu beurteilen und beim Aufkommen der kleinsten Anzeichen beginnender Aggressionen den geschwächten Vogel zu seiner eigenen Sicherheit vorübergehend von den anderen Tieren zu trennen. Gegebenenfalls kann man den Partnervogel mit dazu setzen, sofern dieser nicht der Angreifer war und sich dem kranken Tier gegenüber sanft verhält.

Massiver Stress als Auslöser von Aggressionsausbrüchen
Henne mit KampfspurenGeraten Wellensittiche in ungewohnte, für sie mit starkem Stress verbundene Situationen, kann selbst der friedlichste Zeitgenosse plötzlich äußerst aggressiv auf die Anwesenheit seinesgleichen reagieren. Oft wird dann die innere Spannung, die sich durch den Stress aufgebaut hat, durch einen Angriff auf einen (schwächeren) Artgenossen abgebaut.

Weil jeder Wellensittich anders reagiert, lässt sich nicht pauschal sagen, welche Bedingungen zu Angriffen aufgrund von Stress führen können. Der Tierhalter muss seine Vögel sehr genau beobachten und in Extremsituationen damit rechnen, dass sie plötzlich aggressiv werden könnten.

Eine Situation, in der ich ein solches Verhalten bei meinen Tieren erlebt habe, war ein Transport meiner Vögel während eines Umzugs über eine sehr weite Strecke. Die Vögel waren in Kleingruppen (maximal zu viert) in Käfigen untergebracht und mussten eine mehrere Stunden dauernde Autofahrt über sich ergehen lassen. Ein Vogel wurde durch die Enge im Käfig - er war ständigen Freiflug gewohnt - so sehr gestresst, dass er ohne Vorwarnung auf einen Artgenossen losging und diesen mit einigen Schnabelhieben am Kopf verletzte. Zum Glück waren die Verletzungen nur leicht und ich konnte schnell an einem Rastplatz anhalten und den aggressiven Vogel in eine leere Transportbox setzen, die ich zur Sicherheit griffbereit hatte.

Nach Möglichkeit sollten Situationen vermieden werden, die für die Vögel massiven Stress bedeuten. Wenn es sich nicht umgehen lässt, sie beispielsweise durch einen dringend erforderlichen Transport mit dem Auto zu stressen, sollte immer eine leere Transportbox für Notfälle bereitstehen, falls man unterwegs ein Tier von seinen Artgenossen separieren muss.

Beengte Verhältnisse (zu kleiner Käfig) führen zu Kämpfen
Werden Wellensittiche auf zu engem Raum gehalten, sprich wird ein Käfig oder eine Voliere mit zu vielen Vögeln besetzt, kann dies zu Aggressionen unter den Tieren führen, weil sie einander bei kleineren Konflikten nicht ausweichen können. Deshalb sollte man sich an den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestmaßen für die Käfiggröße orientieren, wenn es darum geht, wie viele Vögel man in einer gemeinsamen Behausung unterbringen kann. Dient der Käfig lediglich als Schlafplatz und haben die Vögel den gesamten Tag über Freiflug, kommt es abends und nachts normalerweise nicht zu blutigen Kämpfen aufgrund der beengten Verhältnisse im Käfig.

Kampfspuren im überfüllten KäfigEine Situation, in der sich Vögel aufgrund der Enge in ihrem Käfig gegenseitig angriffen und blutig bissen, konnte ich während einer Rettungsaktion beobachten. Es waren fast 15 Vögel in einen winzigen Käfig gesperrt worden, um sie abzutransportieren. Weitere Artgenossen waren in anderen Käfigen untergebracht. Die Vögel waren allesamt panisch, denn sie waren kurz zuvor teils mit Händen, teils mit Keschern eingefangen worden. Als ich die 43 teils schwer kranken Wellensittiche übernahm, um sie sofort zum Tierarzt zu bringen, konnte ich beobachten, wie eines der Weibchen im Käfig aufgrund der Enge so sehr unter Stress geriet, dass das Tier wahllos auf die anderen Vögel einhackte und eine Artgenossin am Fuß verletzte (graublauer Vogel auf der oberen Stange). Die mit Blut beschmierte Stange zeigt, wo die attackierte Vogeldame während des Angriffs saß.

Ein Altvogel attackiert einen neu eingezogenen Jungvogel
Wird ein soeben flügge gewordener Jungvogel zu älteren Wellensittichen gesellt, wird er diese in den ersten Tagen sehr wahrscheinlich um Futter anbetteln, weil er noch nicht sonderlich geübt darin ist, seine Nahrung selbst zu sich zu nehmen und nach wie vor an die Fütterung durch seine Eltern gewöhnt ist.

Jungvögel können äußerst aufdringlich sein und einen fremden Wellensittich dadurch reizen. Weil sie sich bedrängt fühlen, attackieren die erwachsenen Wellensittiche bettelnde Jungtiere recht häufig. Meist bleibt es bei warnenden Schnabelhieben, aber je nachdem, wie aufdringlich das Jungtier weiter bettelt, kann sich die Aggression so sehr aufschaukeln, dass der Altvogel seinen jungen Artgenossen blutig beißt.

Altvogel hackt JungvogelDer folgende Film, aus dem das rechts gezeigte Standbild stammt, zeigt einen Jungvogel (hellblau), der einen ihm noch fremden Altvogel um Futter anbettelt und verjagt wird: bitte hier klicken. Würde ein Jungtier in einer solchen Situation weiter betteln, würde es riskieren, durch heftigere Schnabelhiebe verletzt zu werden.

In aller Regel lernen die Jungtiere recht schnell, dass sie von den fremden Altvögeln nicht gefüttert werden und stellen das Betteln sehr bald ein. Ein Eingreifen des Halters ist nur in sehr seltenen Fällen erforderlich. Falls ein Jungtier so aggressiv attackiert wird, dass Verletzungen drohen, sollte es vorübergehend aus dem Vogelschwarm entfernt werden, bis es gelernt hat, sich selbst ausreichend mit Nahrung zu versorgen und aus dem Alter heraus ist, erwachsene Artgenossen anzubetteln. Dies ist meist spätestens im Alter von sechs bis sieben Wochen der Fall.

 
 
Sämtliche Inhalte und Abbildungen auf dieser Seite sind urheberrechtlich geschützt. Bilder-, Video-, Tondatei- und Textdiebstahl werden rechtlich verfolgt.