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  Gelegentliche Paarungen sind unproblematisch, doch sehr häufige Paarungsakte bei Wellensittichen können ein Zeichen für einen übermäßigen Sexualtrieb seinZum normalen Alltag eines gesunden Wellensittichs, der in Gesellschaft mindestens eines Artgenossen lebt, gehört es unter anderem, seinen Sexualtrieb auszuleben. Wie stark dieser ausgeprägt ist, ist individuell unterschiedlich und hängt meist von der Situation ab. Außerdem ändert sich die Aktivität meist mit dem aktuellen Hormonstand, der bei manchen Vogelarten jahreszeitenabhängig ist. Bei Wellensittichen in der Heimtierhaltung entfallen jahreszeitliche Reize, weshalb die Tiere meist das ganze Jahr über fortpflanzungsfähig sind. Das ist an sich nicht problematisch, sofern es nicht zu einer irgendwie gearteten überschießenden Reaktion kommt. In Bezug auf den Sexualtrieb können beim Wellensittich mehrere unterschiedliche Formen von Verhaltensauffälligkeiten beobachtet werden. Im Folgenden werden einige typische Fälle beschrieben, die in der Heimvogelhaltung relativ häufig vorkommen.

Extrem häufige Kopulationen fest verpaarter Vögel
Egal, ob Nistgelegenheiten vorhanden sind oder nicht, können Wellensittiche in Brutstimmung geraten. Sie zeigen dann ein verstärktes Triebverhalten, was sich darin äußert, dass mehrmals täglich Paarungsakte (Kopulationen) stattfinden. Allerdings kommt es mitunter vor, dass ein Vogel zu aktiv ist und nichts anderes im Sinn zu haben scheint, als sich zu paaren.

Mehrere Kopulationen pro Stunde sind dann keine Seltenheit, sodass sich an nur einem Tag über 50, in extremen Fällen sogar über 100 Paarungsakte ereignen. Das ist erheblich zu viel und damit stressen die hyperaktiven Vögel ihren jeweiligen Partner, der kaum Ruhe vor ihnen findet, denn häufig sind nicht beide Vögel so "paarungswütig", sondern nur einer der beiden.

Wellensittichweibchen in AbwehrstellungMeist sind es junge Männchen, die mit ihren häufigen Paarungswünschen ihre Partnerin überfordern. Im Einzelfall spielt sich dann unter Umständen Folgendes ab: Ist das Weibchen nach einiger Zeit von den vielen Paarungen erschöpft und kommt es dann den wiederholten Aufforderungen des Partners zu weiteren Paarungen nicht nach, wird dieser oft rabiat und vergewaltigt seine Partnerin regelrecht. Er steigt auf den Rücken des nicht paarungsbereiten, wütend kreischenden Weibchens und reibt seine Kloake an ihrem Flügel oder Rücken, wenn es der Partnerin nicht gelingt, ihn abzuwerfen. Oder aber die Partnerin geht in Abwehrstellung mit herausgestreckter Brust, in den Nacken gelegtem Kopf und drohend geöffnetem Schnabel. Das Weibchen stellt sich so hin, dass das Männchen gar nicht erst aufsteigen kann, wie es das Foto in diesem Absatz zeigt.

Nicht selten ist die Kloakengegend beider betroffener Partner infolge zu häufiger Paarungen wund gescheuert. Die geschundene Haut kann sich leicht entzünden, der Vogelhalter sollte dies unbedingt im Blick behalten und gegebenenfalls eine dünne Schicht pflegende Salbe auftragen, wenn die Kloakengegend zu stark gerötet ist. Fachkundige Tierärzte können entsprechende Salben empfehlen oder aushändigen, man sollte nicht einfach mit Salben experimentieren, die für die menschliche Haut geeignet sind. Zusätzlich kann es mitunter zudem sinnvoll sein, das Weibchen vom Männchen zu trennen, damit es zur Ruhe kommen kann.

Gleichgeschlechtlichen Artgenossen gegenüber verhalten sich Männchen, die sexuell hyperaktiv sind, meist äußerst aggressiv. Es kann zu heftigen Beißereien und Verfolgungsjagden in der Luft kommen. In besonders schlimmen Fällen greifen die Hähne auch fremde Weibchen an.

Hält dieser Zustand des übersteigerten Paarungstriebes länger als einige Tage an, sollte ein vogelkundiger Tierarzt kontaktiert werden, um mit ihm das Problem zu erörtern. Das Futterangebot sollte in Absprache mit dem Arzt auf ein zum gesunden Überleben erforderliches Mindestmaß reduziert werden, Nistgelegenheiten sollten nicht mehr zur Verfügung stehen, sofern man nicht züchten möchte, und in besonders schweren Fällen sollte eine hormonelle Behandlung des hyperaktiven Vogels in Erwägung gezogen werden. Diese bringt leider je nach verwendetem Medikament mehr oder minder stark ausgeprägte unerwünschte Nebenwirkungen mit sich, deshalb sollte dieser Schritt wohl überlegt sein.

Viel sinnvoller ist es deshalb, die Tageslichtlänge anzupassen. Wellensittiche reagieren sehr stark auf Tageslicht und vereinfacht gesagt gilt: Je länger die Tageslichtdauer ist, desto ausgeprägter verläuft die Hormonproduktion der Tiere. Folglich ist die sexuelle Aktivität meist besonders hoch, wenn die Tage sehr lang sind. Weil in der Heimvogelhaltung künstliches Licht auch im Winter zu langen Tagen führt, sind die Wellensittiche meist das gesamte Jahr über hormonell "auf Hochtouren", was zu einem übermäßig starken Sexualtrieb führen kann. Es ist deshalb beim Auftreten eines solchen Falls sinnvoll, die Tageslichtlänge auf zehn Stunden zu begrenzen und die Vögel konsequent 14 Stunden lang in kompletter Dunkelheit ihre Nachtruhe halten zu lassen. Meist bessert sich dadurch die Situation bereits innerhalb weniger Tage merklich.

Extrem häufige Masturbation (Selbstbefriedigung)
Männlicher Wellensittich beim Masturbieren an einer HandIst ein Wellensittich sexuell hyperaktiv, befriedigt er sich oft selbst. Wird ein Männchen von seiner Partnerin verschmäht, weil diese beispielsweise bereits von zu vielen Paarungsakten erschöpft ist, kann es geschehen, dass sich der Vogel ein Ersatzobjekt für den Paarungsakt sucht. Bei zahmen Vögeln ist dies oft die Hand des Tierhalters, aber auch Gegenstände wie Plüschtiere, Stuhlkanten oder Ähnliches werden für die Kopulation zweckentfremdet. Aber auch wenn Wellensittichmännchen nicht verpaart sind und einen stark ausgeprägten Sexualtrieb haben, kann man häufiges Masturbieren beobachten. Besonders oft ist dieses Verhalten bei einzeln gehaltenen Männchen zu beobachten. Paaren sie sich immer wieder mit der Hand ihres Halters oder einem anderen "Ersatzobjekt" und erkennen sie andere Wellensittiche nicht als ihresgleichen, spricht man von sexueller Fehlprägung. Der folgende Film zeigt das in diesem Absatz abgebildete Wellensittichmännchen beim Masturbieren: bitte hier klicken.

Dass ein gesunder Wellensittich gelegentlich masturbiert, ist normal. Ist der Vogel jedoch völlig darauf fixiert, sich ständig selbst zu befriedigen, sollte man versuchen, die Haltungsbedingungen dahingehend zu optimieren, ihm mehr Abwechslung zu bieten. Wenn der Vogel die Hand seines Halters als Objekt seiner Begierde ausgewählt hat, sollte man ihm einen Paarungsakt auf der Hand nicht gestatten und ihn sanft vertreiben. Würde man ihn hingegen immer gewähren lassen, würde dies den übersteigerten Sexualtrieb nur noch mehr anfachen. Gegebenenfalls sollte ein vogelkundiger Tierarzt zu Rate gezogen werden, wenn ein Vogel zu häufig masturbiert. Außerdem ist es wichtig, auf Hautveränderungen oder -abschürfungen im Kloakenbereich des betroffenen Vogels zu achten. Die weiter oben beschriebene Maßnahme der Anpassung der Tageslänge kann bei zu häufigem Masturbieren ebenfalls hilfreich sein. Übrigens masturbieren auch Wellensittichweibchen gelegentlich, wie das folgende Video zeigt: bitte hier klicken.

Übersteigerter Fortpflanzungstrieb beim Weibchen
Unter den Begriff "Sexualtrieb" fällt nicht nur der Paarungsakt, sondern unter anderem auch das Eierlegen der Wellensittichweibchen. Ist ein Weibchen brutwillig und steht ihm ein Nistkasten zur Verfügung, legt es in aller Regel maximal acht, in seltenen Fällen mehr Eier. Leider kommt es immer wieder vor, dass Weibchen erheblich mehr Eier legen und nicht von allein damit aufhören. Sogar Weibchen, denen kein Nistplatz zur Verfügung steht oder die einzeln gehalten werden, können dieses für sie gefährliche Verhalten an den Tag legen. Man spricht in diesem Zusammenhang von einem sogenannten Legezwang, der in der Rubrik über die Wellensittichzucht ausführlich beschrieben ist, siehe Link.

Einem Wellensittichweibchen, das unter einem Legezwang leidet, muss unbedingt geholfen werden, weil die permanente Eiproduktion sehr viel Kraft kostet. Der Vogel legt sich buchstäblich zu Tode, wenn man nicht eingreift. Leider kann der Legezwang meist nur durch die Verabreichung von Hormonpräparaten oder durch einen chirurgischen Eingriff (Entfernung des Legedarms = Kastration) gestoppt werden.

Was tun, wenn der eigene Vogel auffälliges Verhalten zeigt?
Viele Vogelhalter, deren Tiere unter einer Verhaltensauffälligkeit leiden, sind mit dieser Situation überfordert. Selbst wenn man seine eigenen Vögel noch so gut kennt, so kann doch häufig ein Außenstehender, der über wichtige Fachkenntnisse verfügt, oft Probleme besser erkennen. In Deutschland gibt es einige wenige Spezialisten, die ihre Hilfe anbieten. Weil sie ihre Tätigkeit als Beruf ausüben, muss für ihre Dienste bezahlt werden. Meist lohnt sich diese Investition aber, um die unerwünschten Verhaltensweisen eines Vogels zu erkennen und zielgerichtet mit den im individuellen Fall sinnvollen Maßnahmen dagegen vorzugehen.

Seriöse Experten geben nicht einfach basierend auf einigen wenigen Informationen eine Therapieempfehlung oder Handlungsanweisung. Wichtig ist, dass sie das Tier, den Halter, dessen Beziehung zu dem Vogel und auch die Haltungsbedingungen genau betrachten. Bei Abgabevögeln ist es darüber hinaus sinnvoll, wenn so viele Informationen über das Leben bei vorherigen Haltern wie irgend möglich vorhanden sind. Basierend auf der Gesamtheit dieser Fakten kann ein Spezialist einen Plan entwickeln, der dem sexuell hyperaktiven Tier hilft. Mitunter ist es zudem sinnvoll, zusätzlich einen fachkundigen Tierarzt zu Rate zu ziehen, um eine organische Ursache für die Verhaltensauffälligkeit auszuschließen. Eine kompetente Expertin, die bei Verhaltensauffälligkeiten ihre Hilfe anbietet, ist zum Beispiel die Diplom-Biologin Dr. Hildegard Niemann, siehe Internet-Seite Externer Link.

 
 
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